Antisemitismus
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Peter Ullrich - Dossier
Jungle World Nr. 19, 8. Mai 2008
Dem Volk nicht zugehörig
Jüdinnen und Juden, der Zionismus und der israelisch-palästinensische Konflikt in der Geschichte der Linken. http://jungle-world.com/artikel/2008/19/21766.html
«Schweigend verlassen wir den Raum, bis ins Innerste empört»
Neue Zürcher Zeitung, 12. Juli 2008
Der erste Band eines beeindruckenden Schriftdenkmals für die ermordeten europäischen Juden
Von Manfred Gailus
Wie immer besuchte die Berliner Ärztin Hertha Nathorff auch am 16. April 1933 die Versammlung des Bundes deutscher Ärztinnen, dem sie selbst angehörte: «Komische Stimmung heute, dachte ich und so viele fremde Gesichter. Eine mir unbekannte Kollegin sagte zu mir: Sie gehören doch wohl auch zu uns? und zeigt mir ihr Hakenkreuz an ihrem Mantelkragen. Ehe ich antworten kann, steht sie auf und holt einen Herrn in unsere Versammlung, der sagt, er habe die Gleichschaltung des Bundes namens der Regierung zu verlangen. Die Gleichschaltung. Eine andere Kollegin – ich kenne sie, sie war meine Vorgängerin im Roten Kreuz und damals ziemlich linksstehend [. . .] steht auf und sagt, Nun bitte ich also die deutschen Kolleginnen zu einer Besprechung ins Nebenzimmer –. Kollegin S., eine gute Katholikin, steht auf und fragt: Was heisst das – die deutschen Kolleginnen? – Natürlich alle, die nicht Jüdinnen sind, lautet die Antwort. So war es gesagt. Schweigend stehen wir jüdischen und halbjüdischen Ärztinnen auf und mit uns einige deutsche Ärztinnen – Schweigend verlassen wir den Raum, blass, bis ins Innerste empört.»
Der erste von sechzehn Bänden
So oder ähnlich begann es, das böse Spiel der regierungsamtlich forcierten rassistischen Inklusion und Exklusion seit dem Machtantritt der Nationalsozialisten, das auf Ausgrenzung und Verfolgung der «Nichtarier» zielte und schliesslich mit der Ermordung von annähernd sechs der elf Millionen europäischen Juden endete. Das hier in Ausschnitten zitierte Dokument – Tagebucheintragungen einer Berliner Ärztin und Psychotherapeutin, die 1939 emigrierte – ist nur einer von zahlreichen und klug ausgewählten Quellentexten einer neu begonnenen wissenschaftlichen Edition zum Holocaust. Das Projekt, auf den Weg gebracht im Auftrag des Bundesarchivs, des Münchener Instituts für Zeitgeschichte und des Freiburger Lehrstuhls für neuere und neueste Geschichte, ist ein wahrlich monumentales, auf sechzehn Bände angelegtes Grossunternehmen, das im Verlauf der kommenden zehn Jahre realisiert werden soll.
Der jetzt vorliegende, vom Berliner Historiker Wolf Gruner bearbeitete erste Band ist vielversprechend. Er bietet in der Einleitung eine umfassende historische Skizze zu völkischem Denken, Antisemitismus und antijüdischer Gewalt vom 19. Jahrhundert bis Ende 1937; darauf folgen über dreihundert Quellentexte aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen und politischen Bereichen: ideologische und programmatische Texte der Täterseite, darunter mehrere wichtige, bisher unpublizierte Protokolle von Besprechungen der NS-Spitzen zur Judenpolitik; zahlreiche bewegende Tagebucheinträge, Briefzeugnisse und zeitgenössische Erinnerungen von Verfolgten, unter denen mehrere von der Harvard University 1940 gesammelte Erinnerungstexte besonders hervorzuheben sind; schliesslich eine Vielzahl von Berichten über lokale Ausprägungen antijüdischer Aktionen, Diskriminierungen, Stigmatisierungen.
Alltägliches und Privates, gelegentlich scheinbar Abseitiges und Abstruses verleihen der Auswahl eine besondere Plastizität und Tiefenschärfe: etwa das Schreiben von Johannes Schräpel (Hannover), Führer des Verbands der Sittichliebhaber, vom 23. August 1933 an den Reichsinnenminister über die vollzogene politische und rassische Gleichschaltung; oder die Beschwerde einer beunruhigten Mutter über die heimliche Beteiligung ihres fünfzehnjährigen Sohnes an nächtlichen Aktionen der Hitlerjugend gegen Münchener Juden im Mai 1935; oder die ressentimentgeladenen Beobachtungen des Berliner Ehepaars Fritz und Elly Lau, das sich durch das «unbehelligte Treiben» von Juden in einer Kleingartenanlage im Juli 1935 zu einem denunziatorischen Bericht an das SS-Blatt «Das Schwarze Korps» veranlasst sieht.
Ein Querschnitt
Insgesamt bieten die Dokumente einen Querschnitt durch alle Lebensbereiche und Situationen: Politik, Wissenschaften und Künste, Schule und Ausbildung, Medizin und Gesundheitswesen, Recht, Wirtschaft, Berufsleben, Vereine und Verbände, Alltagsleben, Gewaltereignisse. Das religiöse Feld, Kirchen und Konfessionen kommen allerdings entschieden zu kurz, hier fehlen zumindest einige wichtige Dokumente wie kirchenoffizielle Verlautbarungen, kritische Denkschriften und repräsentative religiös-theologische Diskurse zu «Volk», «Rasse» und «Judenfrage».
Die Dokumente sind durchgängig sorgfältig ediert und mit gründlichen wissenschaftlichen Anmerkungen versehen, die die jeweiligen Kontexte erschliessen. Die projektierten Bände zwei (Deutsches Reich 1938 bis 1939), drei (Deutsches Reich und Protektorat 1939 bis 1941), vier (Polen 1939 bis 1941) und fünf (West- und Nordeuropa 1940 bis 1942) sind bereits für die kommenden zwei Jahre angekündigt. Bei Abschluss des editorischen Grossvorhabens dürften etwa zwölf- bis fünfzehntausend gewichtige Druckseiten vorliegen: schockierende, verstörende, beschämende, bewegende Quellentexte zur singulären Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Alles in allem steht ein beeindruckendes Textmonument zu erwarten, das – mit den Worten der Herausgeber – durchaus zutreffend als «Schriftdenkmal für die ermordeten europäischen Juden» bezeichnet werden kann.
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Herausgegeben von Götz Aly, Wolf Gruner, Susanne Heim, Ulrich Herbert, Hans-Dieter Kreikamp, Horst Möller, Dieter Pohl und Hartmut Weber. Band 1: Deutsches Reich 1933–1937. Bearbeitet von Wolf Gruner. Oldenbourg, München 2008. 811 S., € 59.80.
Gruppe Anomy
Die Jüdische 22.06.2008
"Die Kassam-Raketen sollten nicht immer so emotionalisiert werden"
Norman Paech verteidigt auf einer gemeinsamen Veranstaltung von Amnesty International, Palästina-Initiative und Deutsch-Israelischer Gesellschaft (!) am 20.6.08 in Hannover das Judenmorden. Ihm fungiert das Völkerrecht als Mittel, mit dem er in geschichtsrevisionistischer Absicht als Deutscher über Israel richten will, indem er Israel mit dem Nationalsozialismus gleichsetzt und den israelischen Juden die Schuld am Antisemitismus gibt. "Nach Maßgabe des Völkerrechts", so Paech, "war die Schaffung Israels völkerrechtswidrig", die Existenz Israels also sei ein Verbrechen.
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Presseerklärung des Koordinierungsrats deutscher Nicht-Regierungsorganisationen gegen Antisemitismus vom 19. Juni 2008
Nach der Sachverständigenanhörung zum Antisemitismus im Bundestag zunehmende Unterstützung für unsere Forderung nach einem jährlichen Bericht der Bundesregierung zur Antisemitismusbekämpfung.
Der Innenausschuss des Bundestags hat am 16. Juni 2008 eine Anhörung zum Thema „Antisemitismus in Deutschland“ mit zehn Sachverständigen durchgeführt. Nach den Diskussionen im Innenausschuss erscheint eine Einigung auf die Forderung nach einem jährlichen Bericht der Bundesregierung zur Antisemitismusbekämpfung möglich. Die Bundesregierung soll diesen Bericht nach dem bewährten Vorbild anderer Staaten erarbeiten und dem Bundestag zuleiten. Ungefähr ein Jahr nach der Konstituierung des Koordinierungsrats deutscher Nicht-Regierungsorganisationen gegen Antisemitismus zeichnet sich damit die Realisierung unserer Forderung ab, die wir, dem Vorschlag von Prof. Dr. h.c. Arno Lustiger folgend, in der Gründungsresolution der Koordinierungskonferenz am 18. Juni 2007 in Berlin erhoben und im Einzelnen erläutert hatten (s. Anhang). Für die Forderung nach einem jährlichen Regierungsbericht zur Antisemitismusbekämpfung hatten sich in der Bundestagsanhörung vor allem folgende Sachverständige ausgesprochen: Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Prof. Dr. Julius Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrum s an der Universität Potsdam, und Deidre Berger , Leiterin des Berliner Büros des American Jewish Committee.
Unserer Forderung hatten sich zuvor andere Organisationen und Personen angeschlossen. Zu nennen sind dabei insbesondere der Bundestagsabgeordnete Prof. Gert Weisskirchen, Persönlicher Beauftragter des OSZE-Vorsitzenden zur Bekämpfung des Antisemitismus und außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, der frühere israelische Botschafter Shimon Stein und die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags Petra Pau. Inzwischen haben u. a. in gemeinsamen Schreiben an den Bundesinnenminister des Innern Dr. Wolfgang Schäuble auch die Jüdische Gemeinde zu Berlin und das neu gegründete Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus die Forderung nach einem jährlichen Regierungsbericht zur Antisemitismusbekämpfung unterstützt.
Es wird jetzt darum gehen, diese Forderung umzusetzen und mit konkreten Handlungsinhalten auszufüllen. Wie wir dies bereits in unserer Resolution vom 18. Juni 2007 gefordert hatten, sollte der Bericht über die Verbreitung antisemitischer Strömungen in allen Gesellschaftsteilen und –institutionen einschließlich der Medien Auskunft geben, also über den Antisemitismus rechts, links und in der Mitte der Gesellschaft, sowie darlegen, welche Gegenmaßnahmen notwendig sind und eingeleitet wurden. An der Erstellung des Berichts sind u. a. das Innenministerium und das Auswärtige Amt zu beteiligen. Wissenschaftliche Kompetenz ist z. B. durch die Bildung eines entsprechenden Beirats zu nutzen. Nicht-Regierungsorganisationen und andere zivilgesellschaftliche Initiativen in Deutschland sollten ebenso einbezogen werden. Aufzunehmen ist in die Sachverhaltdarstellung auch die Berichterstattung über die antisemitische Agitation in den Herkunftsländern der muslimischen Einwanderer, die uns über viele Wege – u. a. über Satelliten, über das Internet, über den Buch- und Zeitschriftenimport oder sogar über Schulen – erreicht, und über die Maßnahmen, die die Bundesregierung dagegen ergriffen hat oder ergreifen will. Wie wichtig ein derartiger Bericht ist, zeigen u. a. die erschreckenden Untersuchungen der Alice-Salomon-Fachhochschule über den Antisemitismus an Berliner Schulen. In diesem Zusammenhang sind auch die antisemitische Agitation der Terrororganisation Hisbollah, die in Deutschland noch immer nicht verboten ist, sowie die antisemitische Hass- und Völkermordpropaganda des Präsidenten der Islamischen Republik Iran Ahmadinedschad zu erwähnen.
Für den Koordinierungsrat gegen Antisemitismus:
Daniel Kilpert, M.A., Herthastr. 5, 13184 Berlin; Tel.: 030 69818376, e-mail: kilpert@aol.com Till Meyer, Potsdam ; Tel.: 0177 7492464, e-mail: till.meyer@modernes-brandenburg.de
HENRYK M. BRODER
Rede vor dem Innenausschuss des Deutschen Bundestages am 16. Juni 2008
Dokumentiert von www.lizaswelt.net/2008/06/antisemitismus-ohne-antisemiten_16.html
Meine Damen und Herren, liebe Kollegen, sehr geehrte Frau Köhler, sehr geehrter Herr Edathy, ich danke Ihnen für die Einladung zu dieser Anhörung. Es ist mir eine Ehre, zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich weiß, dass es einige Irritationen wegen meiner Teilnahme gegeben hat. Aber ich bin sicher, dass Sie am Ende meines Statements es nicht bereuen werden, mich eingeladen zu haben.
Es ist nicht die erste Anhörung zum Thema Antisemitismus, und es wird nicht die letzte bleiben. Seit der Schriftsteller und bekennende Judenfeind Wilhelm Marr im Jahre 1879 die Schrift „Der Sieg des Germanenthums über das Judenthum – Vom nichtconfessionellen Standpunkt aus betrachtet“ veröffentlichte und damit zum Wortführer des politischen Antisemitismus im Kaiserreich avancierte, hat es zahllose Versuche gegeben, den Antisemitismus zu definieren, zu erklären und zu neutralisierten – sie sind alle gescheitert. Wäre dem nicht so, säßen wir heute nicht hier. Jede Diskussion über den Antisemitismus fängt mit einer Begriffsbestimmung an, viele kommen nicht darüber hinaus, und am Ende aller Bemühungen, das Phänomen in den Griff zu bekommen, steht die Erkenntnis: „Antisemitismus ist, wenn man die Juden noch weniger leiden kann, als es an sich notwendig ist.“
Ich möchte mich deswegen auf zwei Punkte konzentrieren, auf die ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, zwei Argumente, die man beachten muss, wenn man nicht eine virtuelle Debatte führen will.
Erstens: Wir haben es beim Antisemitismus nicht mit einem Vorurteil, sondern mit einem Ressentiment zu tun. Vorurteile sind harmlos; man braucht sie, um sich im Leben zurechtzufinden. Ich habe Vorurteile, Sie haben Vorurteile, jeder Mensch hat Vorurteile. Und wir stören uns nur an negativen Vorurteilen. Wenn ich Ihnen sage, dass die Deutschen fleißig, diszipliniert und gastfreundlich sind, werden Sie mir erfreut zustimmen. Wenn ich dagegen sage, dass die Deutschen geizig, humorlos und kindisch sind, werden Sie sich vermutlich empören. Das, werden sie sagen, ist eine unzulässige Verallgemeinerung. Mit den Juden ist es genauso. Positive Vorurteile – das Volk des Buches, das Volk des Witzes – hören wir uns gerne an; negative, die unsere Neigung zu schlechtem Benehmen thematisieren, fassen wir als Beleidigung auf.
Der Unterschied zwischen einem Vorurteil und einem Ressentiment ist folgender: Ein Vorurteil zielt auf das Verhalten eines Menschen, ein Ressentiment auf dessen Existenz. Der Antisemitismus gehört in die Kategorie der Ressentiments. Der Antisemit nimmt dem Juden nicht übel, wie er ist und was er tut, sondern dass er existiert. Der Antisemit nimmt dem Juden sowohl die Abgrenzung wie die Anpassung übel. Reiche Juden sind Ausbeuter, arme Juden sind Schmarotzer, kluge Juden sind überheblich und dumme Juden – ja, die gibt es auch – eine Schande für das Judentum. Der Antisemit nimmt dem Juden prinzipiell alles übel, auch das Gegenteil. Deswegen bringt es nichts, mit Antisemiten zu diskutieren, sie von der Absurdität ihrer Ansichten überzeugen zu wollen. Man muss sie ausgrenzen, sie in eine Art sozialer Quarantäne isolieren. Die Gesellschaft muss klar machen, dass sie den Antisemitismus und den Antisemiten verachtet, so wie sie die Prügelstrafe als Mittel der Erziehung und die Vergewaltigung – auch die eheliche – verachtet, wohl wissend, dass sie nicht alles kontrollieren kann, was hinter zugezogenen Gardinen und unter vier Augen passiert.
Zweitens: Wenn Sie dem Antisemitismus beikommen wollen, müssen Sie einsehen, dass er keine fixe Größe ist, wie der Urmeter in Paris oder die Definition für Volt, Watt und Ampere. Wie alle sozialen Phänomene unterliegt auch der Antisemitismus einem Wandel. Auch Armut ist heute nicht mehr das, was sie zur Zeit von Oliver Twist oder Aschenputtel war.
Der Antisemitismus, über den wir immer noch am liebsten reden, stammt aus der Asservatenkammer des letzten und vorletzten Jahrhunderts. Es ist, um mit Bebel zu sprechen, der Sozialismus der dummen Kerle, die noch immer einem Phantom nachjagen. Der gewöhnliche Antisemit hat vom Gegenstand seiner Obsessionen keine Vorstellung, nur eine diffuse Ahnung. Er tobt sich aus, indem er Hakenkreuze an Bauzäune malt und „Juda verrecke!“ auf Grabsteine schmiert – ein Fall für die Polizei und das örtliche Amtsgericht, nicht mehr. Niemand wird sich mit Rabauken solidarisieren, die den Arm zum Hitlergruß heben und dabei „Juden raus!“ schreien. Diese Art des Antisemitismus ist hässlich, aber politisch irrelevant, ein Nachruf auf sich selbst. Der moderne Antisemit dagegen tritt ganz anders auf. Er hat keine Glatze, dafür Manieren, oft auch einen akademischen Titel, er trauert um die Juden, die im Holocaust ums Leben gekommen sind, stellt aber zugleich die Frage, warum die Überlebenden und ihre Nachkommen aus der Geschichte nichts gelernt haben und heute ein anderes Volk so misshandeln, wie sie selber misshandelt wurden. Der moderne Antisemit glaubt nicht an die „Protokolle der Weisen von Zion“, dafür fantasiert er über die „Israel-Lobby“, die Amerikas Politik bestimmt, so wie ein Schwanz mit dem Hund wedelt. Der moderne Antisemit gedenkt selbstverständlich jedes Jahr der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar, zugleich aber tritt er für das Recht des Iran auf atomare Bewaffnung ein. Denn: „Was man Israel oder Pakistan gewährt, kann man dem Iran nicht verweigern“ – Originalton Norman Paech. Oder er dreht kausale Zusammenhänge um und behauptet, die atomare Bedrohung gehe nicht vom Iran, sondern von Israel aus – wie es Professor Udo Steinbach vor kurzem in einer Sendung des WDR getan hat.
Der moderne Antisemit findet den ordinären Antisemitismus schrecklich, bekennt sich aber ganz unbefangen zum Antizionismus, dankbar für die Möglichkeit, seine Ressentiments in einer politisch korrekten Form auszuleben. Denn auch der Antizionismus ist ein Ressentiment, wie der klassische Antisemitismus es war. Der Antizionist hat die gleiche Einstellung zu Israel wie der Antisemit zum Juden. Er stört sich nicht daran, was Israel macht oder unterlässt, sondern daran, dass es Israel gibt. Und deswegen beteiligt er sich so leidenschaftlich an Debatten über eine Lösung der Palästina-Frage, die für Israel eine Endlösung bedeuten könnte, während ihn die Zustände in Darfur, in Zimbabwe, im Kongo und in Kambodscha kalt lassen, weil dort keine Juden involviert sind. Fragen Sie doch mal den außenpolitischen Sprecher der Linken, wie viele Stellungnahmen er in den letzten Monaten zu „Palästina“ abgegeben hat und wie viele zu Tibet. Danach reden wir weiter.
Früher – sagen wir: zurzeit von Wilhelm Marr, Karl Lueger und Adolf Stoecker – war alles ganz einfach. Es gab die Juden, die Antisemiten und den Antisemitismus. Nach 1945 gab es dann aus den bekannten Gründen einen Antisemitismus ohne Juden, und heute haben wir es wieder mit einem neuen Phänomen zu tun: einem Antisemitismus ohne Antisemiten. Neu ist auch das Berufsbild des Freizeitantisemiten, der tagsüber seiner regulären Arbeit nachgeht – unter Umständen sogar bei einer Bundesbehörde – und nach Dienstschluss „israelkritische“ Texte verfasst, die dann auf obskuren antizionistischen Websites erscheinen. Niemand will ein Antisemit sein, aber in der Hall of Shame der Antizionisten wird der Platz langsam knapp.
Antisemitismus und Antizionismus sind zwei Seiten derselben Münze. War der Antisemit davon überzeugt, dass nicht er, der Antisemit, sondern der Jude am Antisemitismus schuld ist, so ist der Antizionist heute davon überzeugt, dass Israel nicht nur für die Leiden der Palästinenser, sondern auch dafür verantwortlich ist, was es selbst erleiden muss.
Die Älteren unter Ihnen werden sich vielleicht noch an den Satz erinnern, mit dem ein grüner Politiker, der noch immer dem Bundestag angehört, zurzeit des Golfkrieges die irakischen Raketenangriffe auf Israel Anfang 1991 kommentierte: „Die irakische Raketenangriffe sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels.“ Derselbe grüne Politiker sprach sich damals auch gegen die Lieferung von Defensivwaffen wie den Patriot-Raketen an Israel aus, weil diese ebenfalls zur Eskalation der Lage beitragen würden. Heute, 17 Jahre später, hören und lesen wir ähnliche Sätze über Raketenangriffe aus dem südlichen Libanon und dem Gazastreifen auf Israel – dass sie die logische, fast zwangsläufige Folge der Besatzungspolitik Israels seien und dass Israel gut daran täte, nicht zu reagieren, um eine Eskalation zu vermeiden. Denn der moderne Antisemit verehrt Juden, die seit 60 Jahren tot sind, nimmt es aber lebenden Juden übel, wenn sie sich zur Wehr setzen. Er ruft „Wehret den Anfängen!“, wenn eine handvoll Hobbynazis in Cottbus aufmarschiert, rechtfertigt aber die Politik des iranischen Präsidenten und den Fortgang der Geschäfte mit dem Iran.
Meine Damen und Herren, wir werden das Problem des Antisemitismus nicht lösen, nicht bei dieser Anhörung und nicht bei der nächsten. Aber allein, dass Sie sich mit diesem Thema befassen, obwohl es andere und wichtigere Probleme gibt, die behandelt werden wollen, ist ein gutes Zeichen. Wenn ich Ihnen in aller Demut und Bescheidenheit eine Empfehlung geben darf: Überlassen sie die Beschäftigung mit dem guten alten Antisemitismus à la Horst Mahler den Archäologen, den Antiquaren und den Historikern. Kümmern Sie sich um den modernen Antisemitismus im Kostüm des Antizionismus und um dessen Repräsentanten, die es auch in Ihren Reihen gibt.
Ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben.
Hajo Funke
"Keine Irren, sondern gefährliche Antisemiten"
http://www.netz-gegen-nazis.com/artikel/keine-irren-sondern-gefaehrliche-antisemiten
Die meisten Holocaust-Leugner sind Teil eines gefährlichen, rechtsextremistischen Netzwerks. Deshalb müssen ihnen Grenzen gesetzt werden - auch durch das Strafrecht.
Von Hajo Funke
Schön wäre es, würde es sich bei Holocaustleugnern wie Ernst Zündel, David Irving oder Rudolf Germar um ein paar verirrte Irre handeln. So irrsinnig die Vorstellung ist, der Holocaust habe nicht stattgefunden, noch viel irritierender ist es zu erfahren, dass die Holocaustleugner oft zugleich "den Juden" für so gefährlich halten, dass sie ihn angreifen, vertreiben oder töten wollen und mehr oder weniger insgeheim damit einverstanden sind, dass der Holocaust stattgefunden hat, eben nur nicht konsequent genug.
Holocaust-Leugner leugnen eben nicht einfach nur ein Verbrechen oder ziehen es in Zweifel, die dahinter steckende Motivation ist in der Regel ein tief verwurzelter Antisemitismus. Holocaust-Leugner eint die Vorstellung, dass "der Jude" für alles Übel in der Welt verantwortlich ist und deswegen ausgeschaltet werden muss, um selbst zu überleben. Und genau dieser "Erlösungsantisemitismus" war die Ursache des nationalsozialistischen Staatsverbrechens, der Ermordung von sechs Millionen Juden in Europa.
Diese Kernvorstellung des radikalen Antisemitismus ist auch heute unter neonazistischen Rechten in Deutschland, in Russland oder in den Vereinigten Staaten verbreitet. In Deutschland dominiert diese Strömung den Rechtsextremismus: von Christian Worch, der die Freien Kameradschaft und auch die autonomen Nationalisten in ihrer radikalen Gewalt ideologisch stützt, bis zu Jürgen Rieger, der kürzlich zum stellvertretendem Vorsitzenden der NPD gewählt wurde. Ihr radikaler Antisemitismus ist die zentrale Ideologie, die die gefährlichsten und einflussreichsten Rechtsextremen in Deutschland eint. Ihr Antisemitismus ist Ausdruck einer ungeheuren Aggression - und man würde dies verharmlosen, wenn man ihn nur als Ausdruck einiger Irregeleiteter bezeichnete. Der Rechtsextremismus hierzulande ist bekanntermaßen - einzigartig in Westeuropa - seit der Wiedervereinigung für über 150 Morde, über 15.000 Gewaltstraftaten und über 150.000 Straftaten verantwortlich.
Tatsächlich war Rechtsextremismus bis Mitte der achtziger Jahre in Westdeutschland vergleichsweise isoliert. Nicht zuletzt dank Leuten wie David Irving konnten sich die rechtsextremistischen Kader Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre massiv ausbreiten, ehe Gerichtsurteile, Auftritts- und Vereinsverbote sie wieder ein Stück weit eingedämmt hatten. Solange der gewaltbereite, neonationalsozialistische Rechtsextremismus nicht erneut isoliert ist, bleibt auch die strafrechtliche Verfolgung der Holocaust-Leugnung wichtig.
Und: Die Reden der Leugner wirken auf die Opfer des Völkermords an den Juden und auf deren Nachkommen jedes Mal aufs Neue traumatisierend. Die Solidarität mit ihnen erfordert eine klare Grenzziehung. Das war auch der Grund, warum die Historikerin Deborah Lipstadt sich (mit Hilfe unseres Instituts) in einem aufwändigen Gerichtsprozess in London mit David Irving erfolgreich auseinandergesetzt hat. Die Holocaust-Leugner sind eben keine vereinzelten Irren, sondern repräsentieren ein nach wie vor leider gefährliches, internationales Netzwerk.
Der kleine Schritt vom Klischee zur Verhetzung
Das aktuelle Lieblingsobjekt der deutschen literarischen Antisemitismusforscher ist Martin Walser. Es verwundert daher kaum, dass der Herausgeber des Tagungsbands "Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz", Klaus-Michael Bogdal, seine Einführung mit Erörterungen zu Walser eröffnet. Ein Jahrzehnt nach der Friedenspreisrede des mittlerweile achtzigjährigen Schriftstellers findet der umstrittene Auftritt in der Frankfurter Paulskirche auch in mehreren Tagungsbeiträgen Erwähnung.
Der Band folgt damit einer Linie, die der Literaturwissenschaftler Matthias N. Lorenz in seiner umfangreichen Studie zu Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser vorgegeben hat. Lorenz stellte darin die These auf, dass in Walsers Werken immer wieder mit Anspielungen auf antisemitische Klischees ausgestattete Figuren auftauchen und dass man angesichts der Häufigkeit des Phänomens kaum noch von einem Missverständnis ausgehen könne. Der Sammelband zum Literarischen Antisemitismus spiegelt den Status quo eines relativ neuen Forschungsfeldes wider. An verschiedenen Texten deutscher Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur wird der oft problematische Umgang mit (anti-)jüdischen Klischees aufgezeigt, um die Evidenz des Diskurses zu verdeutlichen. Die theoretischen Überlegungen rekurrieren auf bisherige wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Gegenstand. Bogdal unterscheidet in seiner Gesamtanalyse drei Formen: ein manifester Antisemitismus, ein "fahrlässiger" Gebrauch von Stereotypen und das bewusste Spiel mit dem antisemitischen Sprach- und Wissensrepertoire. Das Potential der Literatur, antisemitische diskursive Praktiken einzuleiten oder zu stützen, solle dabei nicht unterschätzt werden.
Mona Körte vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung stellt in ihrem Aufsatz programmatisch fest, dass der Begriff des Literarischen Antisemitismus sich nur von Werk zu Werk bestimmen lasse, "als Ergebnis eines immer neuen close reading unter Berücksichtigung aller textuellen Komponenten". Dabei stoßen die Wissenschaftler in der Regel nicht auf offenen Antisemitismus, sondern decken etwa die Etablierung der deutschen Opferposition auf, wenn der fortgesetzte Holocaust-Schuldvorwurf den Juden zur Last gelegt wird. Antijüdische Klischees werden auch durch negativ gestaltete Judenfiguren evoziert. Werden diese Stereotypen im Text nicht aufgelöst, liegt der Antisemitismusverdacht nahe. Nicht außer Acht zu lassen ist jedoch die Schwierigkeit, das Konstrukt Autor-Figuren-Erzähler klar zu differenzieren. Daher geht es den Herausgebern nicht um eine "kriminalistische Überführung von Schriftstellern, sondern um die Funktion und Verwendung ihrer Texte in einem Diskurs, der das Literarische überschreitet". So wird der Literarische Antisemitismus folgerichtig als ein interdisziplinäres Forschungsfeld definiert.
Die Aufsätze des Bandes behandeln verschiedene Texte und Autoren. Der kulturgeschichtliche Ausschnitt jüdischer Figuren in Film, Theater und Literatur umfasst unter anderem die Kontroversen um Rainer Werner Fassbinders Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod" aus den siebziger Jahren oder unterschiedliche Interpretationen des Shylock in Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Die Debatte um Günter Grass und seine SS-Mitgliedschaft zählt ebenso zu den Gegenständen des Bandes wie das erzählerische Werk Thomas Manns nach 1945. Der Literaturwissenschaftler Yahya Elsaghe deutet die Absenz jüdischer Figuren bei Thomas Mann nach Auschwitz als spezifisch deutsche Befangenheit.
Der Soziologe Klaus Holz setzt sich dezidiert mit dem Antisemitismus nach Auschwitz auseinander. Er weist darauf hin, dass für Nationalisten die Fortsetzung des Antisemitismus als eine Art der Bewältigung verstellt und attraktiv zugleich sei: "Verstellt, weil der Antisemitismus nun unter dem Rechtfertigungsdruck steht, wie man trotz Auschwitz noch Antisemit sein kann. Attraktiv, weil man heute gerade wegen Auschwitz Antisemit werden kann." Dies mag ein Grund dafür sein, warum auch jene Nachkriegsautoren, die die nationalsozialistischen Verbrechen als einen Zivilisationsbruch werten, wiederholt in das Schema der Täter-Opfer-Inversion zurückgefallen sind, wenn sie das Verhältnis von Deutschen und Juden darstellen.
Der Ansatz des Bandes, durch eine individuelle Textanalyse dem Phänomen des Literarischen Antisemitismus näher zu kommen, scheint sinnvoll. Ein generell anwendbares Prüfverfahren, sozusagen ein Anti-Antisemitismus-TÜV, entsteht dabei natürlich nicht. Der Band bietet mit seinem breiten Themen- und Diskursspektrum vielfältige Aufschlüsse über eine durch Literatur geprägte Erinnerungspolitik.
BENJAMIN UNGER
"Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz". Hrsg. von Klaus-Michael Bogdal, Klaus Holz und Matthias N. Lorenz. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2007. 373 S., geb., 49,95 [Euro].
28. Juli 2008 Jesus.ch zu dem iranischen TV-Stück "Das Geheimnis von Armageddon»