In kurzer Folge sind in diesem Jahr zwei Bücher rätekommunistischer Kritiker der Entwicklung der Arbeiterbewegung im letzten Jahrhundert erschienen. Deutet dies eine Renaissance der fast völlig vergessenen antiautoritären Marxisten an oder handelt es sich um einen Zufall auf dem linken Buchmarkt? Eine Spurensuche am Rande der historischen Arbeiterbewegung.
Lediglich einmal noch standen die internen Streitigkeiten der frühen kommunistischen Bewegung in einer wenn auch auf wenige intellektuelle Zirkel beschränkten Öffentlichkeit. Als gegen Mitte der 60er Jahre kleine Gruppen radikaler Studenten auf die Suche nach einer marxistischen Traditionslinie jenseits von Moskau und Bad Godesberg gingen, stießen sie auf vergessene Gestalten, die mit dem Begriff des Antiautoritarismus am besten zu fassen schienen. Als einer der ersten ergriff der Chefideologe des SDS, Hans-Jürgen Krahl, Partei und zwar gegen diejenigen, die den historischen Kurs bestimmt hatten. »Wenn es primär um die Herrschaft einer emanzipatorischen Selbsttätigkeit antiautoritärer Sensibilität geht«, so der bereits 1970 tödlich verunglückte Krahl, »dann ist eine Taktik der Mitarbeit in den Parlamenten und in den Gewerkschaften um des öffentlichen Lebens der Bewegung willen nicht möglich.«
Was er hier grob, aber insgesamt stimmig, umreißt, war die Position der vor allem aus den Niederlanden, aber auch aus Deutschland stammenden linken Kommunisten, die – wenn überhaupt – nur aus Lenins Schrift über den »linken Radikalismus« bekannt waren. Der russische Revolutionär machte bereits im Titel keinen Hehl daraus, was er davon hielt: »Kinderkrankheit«.
Selbstaktivität der Massen
Die meisten dieser Radikalen waren während des großen Krieges Parteigänger der von den russischen Bolschewiki inszenierten Zimmerwalder Linken. Vom »Chef des Weltkommunismus« schied sie jedoch ihr antigewerkschaftlicher und antiparlamentarischer Ausgangspunkt. Dieser ließ sich aus ihrem »Selbsttätigkeits-Postulat für die Massen« (Lenin) ableiten. Die Räte waren für sie stets mehr als ein taktisches Mittel. Für den Niederländer Anton Pannekoek, den wichtigsten Theoretiker des Linkskommunismus, bedeuten sie, dass die proletarische Revolution nicht von »weisen Führern«, sondern der »selbstbewussten, selbsthandelnden Masse« gemacht werde. Den Rätekommunisten ging es um die Aufhebung der Trennung von Weg und Ziel, wie Marx sie insbesondere in seinen Frühschriften skizziert hatte.
Die Geschichte dieses linken Kommunismus ist vor allem eine Geschichte des Scheiterns gewesen. Auf den Ausschluss aus der KPD, die zunächst von linksradikalen Positionen beherrscht wurde, folgte die Verdrängung aus der Kommunistischen Internationale. Eigene Organisationsansätze waren zunächst wahrnehmbar. Die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD), die immerhin 40 000 Mitglieder zählte, und ihre Partnerorganisationen in einigen Ländern Europas zerfielen jedoch im Laufe der zwanziger Jahre. Nach dem endgültigen Abebben der revolutionären Nachkriegswelle und internen Differenzen, die zu immer neuen Abspaltungen führten, blieben von ihnen nur winzige Häuflein zumeist theoretisch hochgebildeter Marxisten ohne jegliche politische Relevanz übrig.
Über Jahrzehnte waren die linken Dissidenten vergessen, mit Ausnahme des kurzen Zeitfensters um 1968. Damals wurden die links- und rätekommunistischen Schriften teilweise erstmals zugänglich gemacht, vor allem durch Reprints. Umso erstaunlicher ist die Häufung, mit der ihre Schriften in den letzten Jahren erschienen sind. Der Freiburger ca-ira-Verlag gab erst kürzlich Willy Huhns »Der Etatismus der Sozialdemokratie« und die schon lange angekündigte Übersetzung der Pannekoek-Biographie Cajo Brendels heraus. In diesem Jahr erschienen in kurzer Folge eine Aufsatzsammlung Brendels in der Reihe »Dissidenten der Arbeiterbewegung« des Münsteraner Unrast-Verlages und, zusammen mit einigen anderen Aufsätzen, Anton Pannekoeks Schrift über die »Arbeiterräte«, die als späte Zusammenfassung seines Denkens gelten kann.
Insbesondere die Bedeutung des letztgenannten Werkes ist kaum zu überschätzen. Zum Einen sind damit nun auch die Spätschriften des 1960 verstorbenen Pioniers eines nichtbolschewistischen Kommunismus zugänglich. Zuvor waren 1969 seine wichtigsten Schriften bis zum Beginn der 20er Jahre zusammen mit denen seines Freundes und Mitarbeiters Herman Gorter von Hans Manfred Bock herausgegeben worden.
Materialistischer als sein Ruf
Vor allem unterscheidet sich Pannekoeks Werk zum anderen grundlegend von denen seiner rätekommunistischen Nachfolger. Cajo Brendel beschäftigte sich fast ausschließlich mit der für die Emanzipation notwendigen Selbsttätigkeit. Neben jeglichen politischen Formationen warf er dabei auch die Ideologiekritik völlig über Bord. Pannekoek versuchte dagegen, eine gesellschaftliche Analyse und revolutionär-kommunistische strategische Orientierung vorzulegen. Diese kreist um die Pole der in den Räten gipfelnden Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse, aber auch der bewussten politischen Intervention kommunistischer Kerne.
Pannekoek erweist sich dabei entgegen seinem Ruf als antiautoritärer Idealist – erst kürzlich hat ihn Dietmar Dath in seinem »Waffenwetter« den »dilletantischen« Revolutionären zugeordnet – als strenger historischer Materialist. Bereits im Vorwort stellt er klar, dass nicht der »Wunsch« nach Selbsttätigkeit Vater der theoretischen Entwicklung war. Diese sei viel mehr abgeleitet aus den Erfahrungen der Klassenkämpfe, vor allem der Rätebewegungen.
Es bleibt abzuwarten, ob die Editionen nur auf das Engagement eifriger Herausgeber zurückzuführen sind oder eine kleine Analogie zu dem in diesem Jahr so präsenten Zeitraum um 1968 darstellen könnten. Ohne die Herausgabe und Diskussion der Schriften der antiautoritären Marxisten hätte die Bewegung, die nicht zufällig zur Selbstbezeichnung auf diesen Begriff zurückgriff, wohl kaum die innere Dynamik aufweisen können, die sie auszeichnete. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist jedenfalls so lebendig wie lange nicht mehr. So gab es einige Rezensionen, in der »Jungle World« sogar eine fortlaufende Diskussion zum Rätekommunismus, sowie größere Veranstaltungen, wie etwa in Berlin anlässlich des Erscheinens der Brendel-Aufsätze. All das lässt darauf schließen, dass das Interesse an den Schriften der Dissidenten der Arbeiterbewegung nach dem Ableben ihres mächtigen Gegners, des Realsozialismus, wieder erwacht sein könnte.
Cajo Brendel: Die Revolution ist keine Parteisache. Ausgewählte Texte, hrsg. von Andreas Hollender, Christian Frings und Claire Merkord, Unrast Verlag, Münster 2008, 320 S., 18 Euro.Anton Pannekoek: Arbeiterräte. Texte zur sozialen Revolution, hrsg. von Wolfgang Braunschädel, Germinal Verlag, Fernwald 2008, 696 S., 24 Euro.