Ganz normale Schlägereien
Frankfurter Rundschau, 12.07.2008
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Mittweida
Ganz normale Schlägereien
VON BERNHARD HONNIGFORT
Im Zeugenstand sitzt Max B., ein kräftiger junger Mann, 17 Jahre alt. Er spricht sehr leise. Es ist heiß im Saal 1.99 des Landgerichts Dresden, der Tag war lang. Der Physiotherapeut Max B. erzählt, wie es war vor zwei Jahren beim Dorffest in Breitenbrunn. "Ich hatte damals noch lange Haare", sagt er leise. Natürlich habe er die Rechten gesehen vor dem Festzelt. Einer habe ihn dann von hinten an den Haaren gezogen, er drehte sich um, da traf ihn ein Schlag ins Gesicht. Er blutete, war benommen. "Nee, erkannt habe ich keinen."Zuvor hat Karl D., 67, auf dem Zeugenstuhl gesessen, Tankwart in Stollberg. Ja, er könne sich noch an jenen Abend im Mai 2006 erinnern. Er stand damals am Nachtschalter und konnte über die Sprechanlage hören, wie draußen Leute zusammengeschlagen wurden. Sehen konnte er es nicht, die Täter prügelten im Schatten um die Ecke. Dann kam ein junger Mann in Begleitung zweier Mädchen zu ihm, er blutete stark am Kopf. Jemand rief die Polizei an.
"Ich habe die Geräusche gehört und weiter bedient", sagt Karl D., "ich hatte doch Kunden. Die wollten Wurst und Cognac." Draußen verprügelten, wie die Polizei später ermittelte, 15 Skinheads zwei junge Männer. Tankwart D. erzählt, als sei das alles das Normalste von der Welt. Schlägereien seien an der Esso-Tankstelle in Stollberg "nichts Außergewöhnliches" gewesen. Der alte Mann trägt vor Gericht weiße Turnschuhe, weiße Söckchen, eine kurze Turnhose. Er lächelt und zuckt zwischen den Aussagen mit den Schultern.Auf der Anklagebank sitzen fünf Männer, zwischen 19 und 40 Jahre alt. Der eine hat sich eine Teufelsfratze auf den Hinterkopf tätowieren lassen, sein schmaler Bruder, den sie jeden Verhandlungstag gefesselt ins Gericht führen, nur das Wort "Skinhead". Er sitzt noch 19 Monate ein, weil er mit anderen das Café Courage in Döbeln überfallen hat. Ein Dicker mit Glatze trägt Runen am Unterarm. Manchmal grinsen sie, meistens starren sie aus dem Fenster. Einer trinkt dauernd Cola.
Am Anfang stand ein Kasten Bier
Staatsanwältin Beatrice Baumann wirft ihnen vor, im März 2006 den "Sturm 34" gegründet zu haben. Eine kriminelle Vereinigung, eine bösartige Schlägerbande, die über Land zog und sich Opfer suchte, die Ausländer terrorisierte, Dönerbuden angegriffen, Dorffeste überfallen haben soll. Sie wollten die Gegend "braun" machen. Und zeckenfrei.
"Sturm 34" hat den Ruf der 16 000-Einwohner-Stadt Mittweida ruiniert, die Gegend unsicher gemacht und Angst und Schrecken verbreitet. Den Namen "Sturm 34" trug einst eine SA-Brigade bei Chemnitz. Die Rädelsführer stehen seit April 2008 vor Gericht. Den harten Kern schätzen die Ermittler auf 40 Leute, die Zahl der Mitläufer auf 100.Manchmal braucht es gar nicht viel, und in diesem Fall war es vermutlich nur eine Kiste Bier, mit der das ganze Elend in der Kleinstadt Fahrt aufnahm. Ein Krankenkassenmitarbeiter und Neonazi aus Westdeutschland, den es nach Mittweida verschlagen hatte, hat sie vermutlich vor ein paar Jahren einem Haufen junger Leute spendiert, die auf dem Marktplatz von Mittweida neben dem Brunnen mit dem Goldengel herumlungerten. So erzählt es jedenfalls der alte Kriminalpolizist Udo Göckeritz, 65. Dann habe er sie auf sein Grundstück neben dem Bauhof eingeladen. Es gab Bockwurst und Bier, ein Fernseher lief oder Musik. Und dazu gab es Nazi-Sprüche, Ausländerfeindliches, Antisemitisches. Und die beiden Brüder W., der mit dem Teufel und der mit dem "Skinhead" auf dem Hinterkopf, seien auch immer dabei gewesen. Im "Verein für Berufsbildung", der lernschwachen jungen Leuten eine Ausbildung gab, seien die Brüder auch gewesen.Mittweida hatte plötzlich eine braune Krebszelle. Irgendwann waren es zehn, zwanzig, dreißig, fünfzig, die zum Gelände beim Bauhof gingen. Dort wurde mittlerweile Nazimusik gespielt, verbotene Fahnen hingen an den Wänden. "Manche waren erst zwölf Jahre alt", erzählt der alte Polizist. Er sitzt hinter einem Schreibtisch, verschränkt die Hände hinter dem Kopf. Die braune Pest verbreitete sich, erst langsam, dann wie ein Strom. "Und plötzlich merkst du: Jetzt hast du die braune Brühe in der Stadt", sagt Göckeritz.Im Zeugenstand sitzt Mandy L. Sie redet wie ein Wasserfall, ohne Punkt und Komma. Sie trägt einen halb durchsichtigen, hellen Hosenanzug und eine riesige Tätowierung überm Hintern. Sie hat ein kleines Kind. Sie ist die Freundin des Angeklagten Matthias R., 40, früher mal IT-System-Kaufmann, Mitglied im "Sturm 34" - und Informant der Kriminalpolizei. Auch er wird in Handschellen hereingeführt, auch er sitzt noch wegen anderer Sachen im Gefängnis. Manchmal sagt Martin Schulze-Griebler, der Vorsitzende Richter, zu ihr: "Sie sollten sich viel Mühe geben und bei der Wahrheit bleiben."Sie erzählt, wie der Tankwart, von Überfällen und Schlägereien, als sei es das Normalste von der Welt. "Da wurde getrunken, da wurde rechte Musik gespielt, und dann sind sie losgezogen und hofften, einen zu finden." Dabei trugen sie Springerstiefel und manchmal T-Shirts, auf denen "Sturmwehr" stand. Sie nahmen Schlagringe mit oder schwere Taschenlampen. Sie trugen Handschuhe und Sturmhauben. "Die hatten ihren Spaß mit ihren Schlägereien, die hatten Spaß mit ihrem Trinken. Da war richtiger Zusammenhalt." Die Mädchen durften selten mit, zu gefährlich.
An der Tür zum Büro von Bürgermeister Matthias Damm hängt ein Zettel. "Wer etwas will, findet Wege, wer etwas nicht will, Gründe." Irgendwann hatten die Mittweidaer die Nase voll. Es hat allerdings gedauert. Aber jetzt sind sie auf der Suche nach Wegen aus der braunen Misere. Und Damm hat sich an die Spitze der Suchenden gestellt.Der Winter 2007 hat das Fass überlaufen lassen. Damals war der Fall des "Hakenkreuzmädchens" passiert. Angeblich hatten Neonazis einer 17-Jährigen ein Hakenkreuz eingeritzt. Die Polizei war felsenfest davon überzeugt. Mittlerweile ist die junge Frau wegen Vortäuschung einer Straftat angezeigt. Damals aber herrschte blankes Entsetzen in der kleinen Stadt, und als dann auch noch 35 Neonazis über den Weihnachtsmarkt marschierten, musste etwas geschehen. Nun kämpfen sie mühselig und in Trippelschritten an gegen das, was vor Jahren mit einer Bierkiste begann und ein sich selbst tragender brauner Aufschwung geworden ist.Sie gründeten einen Präventionsrat, redeten miteinander, machten den alten Polizisten Göckeritz zum Extremismusbeauftragten. Sie holten sich Rat bei Kripo und Verfassungsschutz, sprachen mit der Lokalzeitung, mit den Streetworkern, mit den Leuten vom Jugendklub, mit den Lehrern, mit der Fachhochschule, der Feuerwehr und den Sportvereinen. Sie redeten über ihre Stadt. Und dann setzten sie zum ersten Mal Zeichen.
Kränze für die Opfer
Sie gruben Stolpersteine in Mittweidas Kopfsteinpflaster ein, um an deportierte und ermordete jüdische Mitbürger zu erinnern. Mehr als tausend Menschen kamen im Januar zu einer "Kranzniederlegung für die Opfer des Faschismus", wie Polizist Göckeritz sagt. Diesmal hätten sich die Nazis nicht getraut zu stören. Vergangenes Jahr hätten sie noch grinsend und mit Bierflaschen in der Hand danebengestanden.Fünf Nazis von "Sturm 34" stehen in Dresden vor Gericht. Es soll zwei weitere Prozesse geben, noch einmal mit fünf bis sechs Angeklagten. Es gebe ein großes Umfeld, sagen sie bei der Dresdner Staatsanwaltschaft. Einen "fruchtbaren Schoß". Als der Prozess begann, im April, schmierten Neonazis "Mittweida bleibt braun" ans Rathaus."Es muss noch viel mehr passieren", sagt Göckeritz. "Es muss viel mehr von unten kommen." Er beugt sich vor hinter seinem Tisch: "Siege sind das noch nicht. Wir verdrängen die Nazis nur ein wenig."