Tierschützer
Tierschützer-Terror gegen Gänsekiller
16.07.2008 | 18:07 | (Die Presse)
In den Niederlanden gibt es eine besonders gewaltbereite Tierschutz-Szene.
DEN HAAG (htz). „Sie fressen unsere Felder und Gärten leer. Es sind zu viele“, klagen die Einwohner der niederländischen Wattenmeer-Insel Texel über die steigende Zahl von Wildgänsen auf ihrem schönen Eiland. Der Schaden soll mehr als 90.000 Euro betragen. Also beschloss die Gemeinde Texel, gegen die Grau-, Blass- und Nonnengänse in den Krieg zu ziehen: Die darauf spezialisierte Firma „Duke Faunabeheer“ hat bereits rund die Hälfte der 6000 Wildgänse auf Texel gefangen – und vergast.
Im In- und Ausland hagelt es Proteste gegen diese in dem Umfang wohl einzigartige Tötungsaktion. Während die meisten Tierschützer jedoch friedlich ihren Unmut äußern und auch (vergeblich) vor Gericht gegen die Aktion klagten, geht eine Gruppe nun mit Gewalt vor: Die militante „Animal Liberation Front“ (ALF) verübte kürzlich einen Brandanschlag auf die Verwaltungszentrale von Duke Faunabeheer in Lelystadt. Sie wurde weitgehend zerstört. „Die Feuerwehr konnte noch verhindern, dass der Brand auf andere Gebäude übergriff“, sagt Firmenchef Arie den Hertog. Und: „Wir haben Angst. Demnächst zünden sie noch unser Wohnhaus an.“
Die Täter der Ende der 70er-Jahre in England gegründeten, heute weltweit aktiven ALF bekannten sich zur Tat, indem sie Parolen auf die Wände des Hauses sprühten, unterschrieben mit „ALF“ – was Kommentatoren an die deutsche Terrorgruppe RAF erinnerte.
Mord an Rechtspolitiker
Und der Vergleich mit der RAF ist so abwegig nicht: Vor allem niederländische Tierschützer sind berüchtigt für ihre Gewaltbereitschaft. Im Mai 2002 ermordete einer gar den Rechtspopulisten Pim Fortuyn: Volkert van de Graaf, nebenbei überzeugter Veganer, richtete den Rechtspolitiker regelrecht hin, weil er mit seinen Ideen nicht einverstanden war.
Davor hatte der Mörder de Graaf einen juristischen und publizistischen Kleinkrieg für den Tier- und Naturschutz gegen die Behörden geführt und so zahlreiche Infrastrukturprojekte blockiert. Gerüchteweise soll er sogar am Mord an einem Beamten beteiligt gewesen sein.
Kristallisationspunkt der militanten Tierschützer ist Wageningen, wo sich die Szene im Umfeld der dortigen Agrar-Universität in den letzten Jahren etabliert hat.
Tier-Partei im Parlament
Tierschutz im Allgemeinen ist Holland aber in der Regel friedlich und genießt hohen Stellenwert. Haustiere werden kaum wo so verhätschelt wie hier (vielleicht mit Ausnahme der USA, Deutschlands und Wiens). Die Niederlande sind sogar das einzige Land, das eine eigene „Partei für die Tiere“ hat, die sogar mit zwei Abgeordneten im 150 Sitze zählenden Haager Parlament vertreten ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2008)