Faschismus versus Nationalsozialismus aus aktueller rechtsextremer Sicht
Der Faschismus zwischen Revolution und Reaktion
http://forumquerdenker.fo.funpic.de/phpBB2/viewforum.php?f=8&sid=02ad9d9601267d6e3e28ac403cc5000d
Teil 1: Anatomie des Faschismus
Von Roland Lorent
Die Frage nach Herkunft und Wesen des Faschismus erhitzt seit Jahrzehnten die Gemüter. Allerdings ist die „Faschismus-Debatte“ eher von moralisierender denn von sachlicher Betrachtungsweise geprägt. Gerade auf der politischen Linken verkam der Faschismusvorwurf zum Totschlagsargument, das man im Bedarfsfalle Gott und der Welt um die Ohren hauen konnte. Ihre bizarrste Ausprägung fand diese Tendenz schon früh in der stalinistischen Sozialfaschismusthese. Die linken Wurzeln des Faschismus wurden und werden dabei ausgeblendet – waltet hier eine kollektive Urerinnerung, das kollektiv Unbewusste (C.G. Jung)? In jedem Fall ein interessanter Erklärungsansatz, der den hysterischen Antifaschismus von links erklären würde – gestatten, wir sind die hässlichen Verwandten von Marxismus, Syndikalismus und Anarchismus. Auch auf der Rechten feiert dieser nur zu oft von keinerlei Sachkenntnis belastete Missbrauch des Faschismusbegriffes fröhliche Urständ. Erwähnt seien hier nur der Vorwurf des „Linksfaschismus“ an die Adresse des linken politischen Gegners oder seltsam anmutende Versuche, sich als neonationalsozialistische Antifaschisten zu gerieren. Das nationalrevolutionäre Spektrum ist ebenfalls nicht frei von solchen Absonderlichkeiten. Wissenschaftlich gesehen, sind Konservative Revolution, Nationalrevolutionäre, Nationalsozialismus, Nationalbolschewismus und Faschismus allesamt verschiedene Namen für vergleichbare, miteinander verwandte, wenn auch nicht identische Erscheinungen. Autoren wie Stefan Breuer beispielsweise sortieren KR / NR / NB im Bereich des Protofaschismus ein; Ähnlichkeiten mit dem italienischen Frühfaschismus sind in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Man sollte gerade der „Erinnerungsliteratur" der Beteiligten (Paetel, Jünger, Niekisch, Strasser und wie sie nicht alle heißen) mit gebotener Skepsis gegenübertreten. Die damaligen Protagonisten versuchen nämlich ziemlich angestrengt, sich die braunen oder schwarzen Flecken von der NR-Weste zu waschen. Ernst Niekischs Widerstands-Ideologie zum Beispiel kann man wissenschaftlich gesehen wohl als eine besonders bösartige und aggressive Version des Nationalsozialismus definieren, während Ernst Jüngers Neuer Nationalismus geradezu ein Untermieter im Gedankengebäude des italienischen Faschismus ist. Der Faschismus (wie der Nationalsozialismus) hatte nicht nur eine Stoßrichtung gegen die Arbeiterbewegung, sondern ebenso gegen die bürgerliche Gesellschaft. Gerade die zum Teil aus den italienischen Arditi-Sturmtruppen und d´Annunzios Fiume-Legionären hervorgegangenen Squadras hatten einen durchaus anarchischen Zug an sich. Der Frühfaschismus ging die bürgerliche Gesellschaft mit vergleichbarer Radikalität wie einige deutsche Nationalrevolutionäre an. Er war eine auch nach dem Marsch auf Rom die totale Revolution und Vernichtung des bürgerlichen Staates fordernde Kraft. Nicht umsonst brauchte der zwischen den Parteifraktionen lavierende Mussolini Jahre, um das national-syndikalistische Hooligan-Element der Bewegung mit Hilfe der orthodoxen Nationalisten und bürgerlicher Opportunisten auszuschalten und seinen kollaborationistischen Regierungsfaschismus zu etablieren. Was er dann auch 1943 bitter bereuen sollte. Das Gleiche gilt im Grunde genommen für die NS-Linke (Strasser-Brüder, NSBO, teilweise noch die SA): Gerade die antibürgerlichen Kräfte, die der Bewegung überhaupt erst ihre Stoßkraft verliehen hatten, wurden ausgemustert, nachdem die Parteibonzen sich in der bürgerlichen Gesellschaft wohnlich eingerichtet hatten. Die Geschichte des Faschismus und Nationalsozialismus ist auch eine Geschichte von missbrauchtem Idealismus. Alles Entwicklungen, welche die KPD und die Nationalrevolutionäre vorausgesagt hatten. All das ist Anlass genug, ausgiebig Licht ins Dunkel zu bringen und darzustellen, woher der Faschismus überhaupt kam und wohin er sich entwickelte.
Faschismus und Nationalsozialismus
Betrachten wir zunächst einmal den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus. Der Nationalsozialismus geht in seinem rechten, hitleristischen Flügel klar auf die bürgerlich-reaktionäre völkische Bewegung des Kaiserreiches zurück und hat dies auch offen eingestanden, während die so genannte nationalsozialistische Linke eher in der Tradition der Konservativen Revolution bzw. der Nationalrevolutionäre steht. Seiner Herkunft nach ist der italienische Faschismus völlig anders geartet – wie wir sehen werden, entstammt er der sozialistischen Arbeiterbewegung und einem bürgerlichen Linksnationalismus. Ebenso unterschiedlich aufgestellt waren die beiden Ideologien in kultureller Hinsicht: Im Gegensatz zum Nationalsozialismus hatte der Faschismus einen positiven Bezug zur künstlerischen Moderne und Avantgarde: Futurismus und Avantgarde in der Kunst, Modernismus in der Architektur. Renzo de Felice erklärt die Unterschiede zum Nationalsozialismus so: Der Faschismus ist eine optimistisch-vitalistische Bewegung. Er zielt auf Modernisierung und Fortschritt, Überwindung bürgerlicher Traditionen und Werte ab und ist damit linkstotalitaristisch. Der Nationalsozialismus hingegen in seinem tragischen Optimismus ist als typischer Rechtsradikalismus stark auf die Werte der Vergangenheit orientiert. Ein gewichtiger Unterschied zwischen beiden Ideologien waren nach Zeev Sternhell Rassenlehre und Antisemitismus. Im Nationalsozialismus besaß der Antisemitismus in extremster Ausprägung eine zentrale Stellung. Juden galten geradezu als untermenschliche Gegenrasse, Hitler strebte eine revolutionäre rassenimperialistische Umstrukturierung Europas an. Ethnische und politische Säuberungen gehören zu den Hauptbeiträgen Europas zur Moderne, hier steht der Faschismus nicht alleine auf weiter Flur da. „Moderne“ sollte man ohnehin nicht westlich-fortschrittsoptimistisch sehen – auch der Holocaust wurde mit überaus modernen Methoden durchgeführt. Während beide Flügel des Nationalsozialismus im Grunde genommen nicht ohne den Antisemitismus auskamen, waren derartige Anwandlungen dem Faschismus ursprünglich fremd. Juden waren bis 1938 im italienischen Faschismus überrepräsentiert (200 Juden nahmen am Marsch auf Rom teil, und Juden befanden sich schon unter den Mitbegründern der Bewegung), Mussolinis Geliebte und erste Biographin Margherita Scarfatti war Jüdin. Der Faschismus hatte jüdische Unterstützer in Industrie und Landbesitz, der wichtige Mussolini-Intimus Aldo Finzi war ebenso jüdischer Herkunft. Die 1931/32 erlassenen Toleranzgesetze für Juden und Protestanten verschafften diesen Freiräume, welche erst in den 60er Jahren wieder erreicht wurden. Selbst die faschistische Rassenlehre von 1938 fiel anders aus als die deutsche Version: Völker wurden als Produkt mehrerer vorangehender ethnischer und biologischer Gruppen aufgefasst, sie waren also das Resultat von Jahrhunderten von Geschichte, Kultur und Umwelteinflüssen. Der nordische Rassefimmel der Nazis war nicht nur den italienischen Faschisten völlig fremd. Mussolini lehnte den Rassenbiologismus der Nazis noch im Frühjahr 1934 als Widerspruch zur gesamten christlichen und romanischen Zivilisation sowie als im Widerspruch zur gesamten Menschheit stehend ab. Die faschistische Internationale CAUR verdammte das Rassenkonzept noch 1935 in deutlichen Worten. Antisemitismus und Annäherung an die NSDAP waren gerade unter den Jungfaschisten von 1938 extrem unpopulär, worin auch eine Ursache für das ab Ende der 30er Jahre katastrophal schlechte Verhältnis zwischen den italienischen und deutschen Jugendorganisationen liegen dürfte. Im Kontrast zum mystischen nordischen Rassismus stand der Faschismus näher an der abendländischen Tradition. Mussolini verwies immer darauf, dass der Faschismus Aspekte aller drei alten Ideologien (Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus) vereinte, Hitler dagegen beharrte auf revolutionärer Ablehnung rivalisierender Doktrinen. Der neue Mensch des Nationalsozialismus war nicht nur ein kulturell-philosophisches, sondern auch und vor allem ein rassenbiologisches Produkt. Der Faschismus dagegen setzte ganz im nietzscheanischen Sinne (Gabriele d`Annunzio!) auf Ausbildung, Erfahrung und Wissen. Der im italienischen Faschismus vorhandene Kolonialrassismus gegenüber den „minderwertigen“ Völkern Afrikas war europäisches Gemeingut und keine Besonderheit. Der Nationalsozialismus war weitaus totalitärer, während der Faschismus sich tolerant zeigen konnte, sofern man ihn nicht politisch angriff. Dazu gestattete selbst der regierungsfaschistische Korporativismus gesellschaftlich-wirtschaftlichen Subsystemen ein gewisses Maß an Autonomie, was man von der Deutschen Arbeitsfront nicht gerade behaupten kann. Zeigte der Faschismus sich vor seiner Machtergreifung deutlich militanter als der Nationalsozialismus, so agierte dieser nach 1933 in seiner Herrschaftsausübung und –durchsetzung weitaus brutaler. Wie Zeev Sternhell spricht sich auch Stanley G. Payne, wenn auch aus anderen Gründen als den oben skizzierten, gegen die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Faschismus aus. Zwar sind Gemeinsamkeiten beider Ideologien nicht zu leugnen, aber der Nationalsozialismus weist mehr Parallelen zum russischen Kommunismus bzw. Stalinismus auf als jedes andere nichtmarxistische System: Theorie eines praxisorientierten revolutionären Handelns (nachdem der Kreml wesentliche Aspekte der klassischen marxistischen Theorie aufgab) / Theorie eines fortwährenden Kampfes / starres Elitedenken und Führerprinzip / klassenunabhängige Einparteiendiktatur / eine von der Partei zu kontrollierende Armee (Wehrmacht ab 1943) / Autarkie und Militarisierung, revolutionärer Krieg / neuer internationaler politischer Mythos als Alternative zu den herrschenden Orthodoxien. Nationalsozialismus und Faschismus beeinflussten sich wechselseitig, hierbei kam dem italienischen Modell eine „historische Leitfunktion“ zu. Zahllose Artikel in der NS-Presse sprechen Bände darüber; vor allem für den „Arbeitnehmerflügel“ der NS-Bewegung waren das italienische Korporativsystem und die italienische Sozial- und Kulturpolitik von hoher Bedeutung. Zwar sind beide Ideologien nicht identisch, aber ihre Verwandtschaft ist nicht zu leugnen.
Vom geistigen Elend des Antifaschismus
Die wissenschaftliche wie publizistische Analyse ist seit Jahrzehnten davon geprägt, dass die Beobachter ihr eigenes Menschenbild verabsolutieren. Unbewusst bringen die Kritiker dadurch ihre eigene Antipathie gegen den Faschismus (oder gegen das Kleinbürgertum, also ihre eigene Klasse) zum Ausdruck. So wird krampfhaft nach abwertenden Motiven für den Anschluss an die faschistische Bewegung gesucht (Geld, Zwang, Abstieg, Asozialität, moralische Minderwertigkeit...). Eine rein marxistisch-materialistische Betrachtungsweise wird dem antimaterialistisch denkenden Faschismus ebenfalls nicht gerecht. Seine Betrachtung anhand der Klassentheorie betrachtet ihn nur „von außen“, da der Faschismus selbst nicht in Klassenaspekten dachte. Die Mittelklasse-Theorie ist nicht verallgemeinerbar, sie ignoriert die starke Unterstützung des Nationalsozialismus durch die Arbeiterschaft oder den ausgesprochen proletarischen Charakter z.B. des Faschismus in Ungarn. Auch in Italien gab es zum Teil erhebliche örtliche Abweichungen von der postulierten Dominanz der Mittelschichten im Faschismus. Die Literatur über den Faschismus ist, ungeachtet der in jeder ihrer Spielarten enthaltenen Wahrheiten, oftmals eine Literatur GEGEN ihn. Traditionen dieser Art gehen zurück bis in die Zeit des italienischen Antifaschismus und des Zweiten Weltkrieges. Der Antifaschismus ist integraler Bestandteil einer Kreuzzugsideologie der politischen Linken und des 2. Weltkrieges. Genau diese Deutungen dominieren faktisch noch immer: Faschismus als Produkt der moralischen Krise der europäischen Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert, als Produkt einer verspäteten atypischen wirtschaftlichen Entwicklung und nationalen Einigung, und (marxistisch gesehen) als Produkt der Endphase des Kapitalismus oder extremes Produkt des Klassenkampfes. Das Endstadium des Kapitalismus wird übrigens von links wie rechts alle Jahre wieder einmal proklamiert; bislang hat er sich allerdings als erstaunlich resistent gegen diese Beschwörungen erwiesen. Der Faschismus ist eben nicht die Konsequenz des Kapitalismus, denn dieser zieht politisch stabile Demokratien vor - was jedem halbwegs gebildeten Menschen klar sein sollte und sich an der Entwicklung nach 1945 oder der „good governance“-Debatte in der Dritten Welt ablesen lässt. Faschismus ist, wie Thalheimer schon 1930 erkannte, nur eine Handlungsoption des Kapitalismus in einem bestimmten Stadium. Diese nutzte er in einigen Ländern, bei weitem nicht in allen, nach dem Schock der Oktoberrevolution und der totalen gesellschaftlichen Erschöpfung nach dem Weltkrieg. Allen marxistischen Faschismustheoretikern ist gemein, dass sie sich unter Hinwegignorierung historischer Fakten tendenziell dagegen sperren, dem Faschismus eine Handlungsautonomie gegenüber Kapitalgruppen und Gesellschaftseliten zuzubilligen. In punkto der moralischen Entartung sind sich alle Kritiker rundweg einig, von rechts über links bis liberal. Vergessen wird hierbei die Frage, WARUM diese Gesellschaft als so entartet aufgefasst wurde. Das würde wohl auch zu sehr am Selbstverständnis der antifaschistischen Kritikerströmungen jedweder Herkunft rütteln. Der Nationalsozialismus oder Faschismus als zwangsläufiges Produkt der deutschen oder italienischen nationalen Fehlentwicklung ist wohl zuviel der Ehre für Adolf Hitler und Benito Mussolini. Deutschland wird sich kaum seit Martin Luther auf den Holocaust vorbereitet oder Gabriele d´Annunzio den latenten Anarchismus der italienischen Volkseele manipuliert haben, diesen Blödsinn prangerte schon Golo Mann vor 50 Jahren an. Es wäre wahrlich zuviel Ehre gerade für Hitler, der ein Zufallsprodukt allseitigen Versagens, einer Verkettung von unglücklichen Umständen war. Die Theorie vom „deutschen Sonderweg“ oder vom unaufhaltsamen Dämon ist nichts als die Testamentsvollstreckung Adolf Hitlers und seiner Interpretation des Nationalsozialismus. Die Fixierung auf die Führer der Bewegung und die Selbstdarstellungen der Regimezeit wird der Vielschichtigkeit des Phänomens nicht gerecht und stellt eher den letzten Triumph faschistischer Propaganda als echte Auseinandersetzung dar.
Die Krise der alten Ideologien
Der Faschismus ist neben der Umweltbewegung die ideologische Hauptentwicklung des 20. Jahrhunderts. Eine Ideologie, die nicht weniger kohärent oder widerspruchsvoll ist als alle anderen großen Weltanschauungen wie Liberalismus, Sozialismus oder Konservatismus. Zu seiner Erklärung muss man ihn ernst nehmen, und das auch (aber keinesfalls nur) anhand seiner eigenen Äußerungen und Handlungen. Man sollte sich davor hüten, dem Faschismus aus moralischen Gründen jeglichen eigenständigen ideologischen Wert abzusprechen. Seine Verbindung von Staatspolitik und Ästhetik ging weiter als andere Regimes der damaligen Zeit, die Etablierung der Einparteienherrschaft ist ein revolutionärer Systemwandel. Der Faschismus ist somit ein politik- und kulturhistorisches Phänomen, eine politische und soziale Praxis. Er neigte einerseits zum Bündnis mit traditionellen Eliten, während er auf der anderen Seite gerade auf kulturell-philosophischem Gebiet eine Herausforderung derselben darstellte – das große Paradoxon des Faschismus. Er strebte nicht weniger als eine andersartige Lebensform an. Der Faschismus wollte die Ganzheitlichkeit des Menschen wiederherstellen. Hierher gehört auch der metaphysische Revolutionsbegriff der Konservativen Revolution, der Nationalrevolutionäre und des Nationalsozialismus. Angestrebt wurde quasi eine Umbiegung des bisherigen europäischen Entwicklungsideals. Dieses stammt mit seinem Fortschrittsoptimismus aus Aufklärung und Französischer Revolution, die das Streben nach Menschenglück auf Kosten des Gleichgewichtes der Menschheitsseele (Ratio-Irratio, Macht und Moral) entfesselten. Die gestörte Menschheitsseele tobte sich in Materialismus, Rationalismus, Egoismus, Atomisierung und Habgier aus, ebenso in Kriegen von bislang unbekannter Brutalität. Wenn man so will, betrachtete auch der Faschismus seine Widersacher als moralisch entartet. Die Menschen der damaligen Zeit, denen ihre Herkunft aus nichtproletarischen Verhältnissen noch bewusst war, verlangten nach Idealen, nach Aufstiegsmöglichkeiten und nach materieller Absicherung. Die faschistische Bewegung fungierte als Heimat, als seelische Bleibe, sie bot Anerkennung und mit ihrem Aktivismus die Möglichkeit, „mitzumachen“. Diese ideologische Mixtur wurde dann ab 1920 angereichert durch die Elemente des Fiumanismo (Gabriele d´Annunzio). Der nüchternen Demokratie, die das politische Leben jeglichen Stils entkleidet hatte, setzte man eine neue, kulturrevolutionäre Ästhetik entgegen, die sich auch aus der künstlerischen Avantgarde des Futurismus speiste. Die Bewegung verlieh als Avantgarde den unklaren Hoffnungen der Massen Ausdruck, und das gilt auch für die bolschewistische Sowjetunion. Konservatismus, Sozialismus und Liberalismus waren bereits Ende des 19. Jahrhunderts voll ausformuliert. Friedrich Engels äußerte noch 1895 die Ansicht, die Verbreiterung der Wählerschaft durch die schrittweise Demokratisierung des Wahlrechts würde automatisch der Linken zugute kommen, d.h. diese würde die Mittelschichten in Stadt und Land erobern. Die sozialistischen Theoretiker konnten sich die Möglichkeit einer Diktatur gegen die Linke mit gesellschaftlicher Massenbasis schlichtweg nicht vorstellen. Das politische Leben wurde von Politkartellen bestimmt, von den miteinander in Parlamenten und Arbeitskämpfen kuhhandelnden Lagern links wie rechts. So betrachtet, erscheint der Faschismus als ein Mittel, dieses Verhältnis aufzubrechen. Linke Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre sind in gewisser Hinsicht Bestandteil der Bourgeoisie. Mit der Lebenswirklichkeit der Massen hat ihr Dasein jedenfalls nichts mehr zu tun. Die revolutionäre Linke hatte versagt. Demokratie und Liberalismus waren durch Weltkrieg und Wirtschaftskrisen vollkommen diskreditiert. Alle drei Ideologien des 19. Jahrhunderts waren mit Ende des 1. Weltkrieges scheinbar gescheitert (den Sonderfall Russland einmal ausgenommen) – Zeit für eine neue, eine vierte weltanschauliche Strömung. Der Faschismus ist das Produkt der existenziellen Krise der drei großen alten Ideologien.
Schieder und Paxton: Das Phasenmodell
In Ideologie, Form und Herrschaftspraxis ist der Faschismus ein überaus flexibles Gebilde. Er zeichnet sich durch verschiedene Entwicklungsstufen aus, zwischen denen durchaus gewechselt werden konnte. So beispielsweise der italienische Faschismus, der ab 1943 in der Republik von Saló wieder starke Anleihen bei seiner Frühphase machte. Wolfgang Schieder nennt vier Phasen: Bewegung – Durchsetzung – Regime – Radikalisierung mit schrittweiser Entmachtung der Partner. Genau in dieser Phase 4 ging der Nationalsozialismus auch über den italienischen Faschismus hinaus. Robert O. Paxton arbeitet dagegen mit fünf Phasen. Zunächst einmal haben wir die Entstehungsphase aus einer Synthese von Nationalismus und Syndikalismus, im italienischen Falle unter Einbeziehung der künstlerischen Avantgarde. Es folgt die Verfestigungsphase mit Bildung einer politischen Bewegung. Schon jetzt setzen die schrittweise Zurückdrängung der antikapitalistischen und antibürgerlichen Elemente der Ursprungsideologie ein, es kommt zu Pakten mit der traditionellen Rechten. In Phase Nummer drei ergreift der Faschismus die Macht, und zwar ausnahmslos durch eine Allianz mit nationalkonservativen Gruppen. Da diese Allianz nicht überall erfolgreich war, war der Faschismus auch nicht überall siegreich. Ist er siegreich, entsteht ein – mal mehr, mal weniger stabiler – Herrschaftskompromiss. In den faschistischen Staaten liegt die eigentliche Macht nicht in den Händen des Kapitals oder der alten Eliten, sondern sie sind nur Teil eines Herrschaftskompromisses. Herrschen tut die Gewalt der staatlichen oder parteilichen Exekutive. Dieser Herrschaftskompromiss wird in Phase Nummer vier erschüttert, und zwar durch den Machtkampf zwischen den Säulen des „totalitären Pluralismus“ (Neumann). Die herrschende Gewalt der Exekutive verselbständig sich zusehends; sie marginalisiert die alten Aktivisten der Kampfzeit, aber sie setzt sich auch über die neuen Partner hinweg. Das Postulat einer einheitlich handelnden Kapitalistenklasse ist in diesem Zusammenhang übrigens analytischer Schwachsinn, sie zerfällt ebenfalls in mehrere Fraktionen. Der Faschismus war sehr wohl imstande, seine Partner (bei durchaus vorhandener politischer Interessengleichheit) zu mit Profiten ruhiggestellten Befehlsempfängern zu degradieren. Die letzte Phase ist diejenige der Radikalisierung, vor allem während des Zweiten Weltkrieges. In dieser Phase Nummer fünf tauchen auch rassentheoretische und antisemitische Elemente im italienischen Faschismus auf.
Krieg gegen die Gesellschaft
Eine Reduktion des Faschismus auf rein präventive Konterrevolution erscheint fragwürdig. Innerhalb der Bewegung gab es immer wieder heftige Auseinandersetzungen um den Kurs und das Programm. Der Faschismus trat eben nicht nur mit Gummiknüppel und Rhizinus an die Öffentlichkeit, sondern auch mit antibürgerlichen Forderungen. In gewisser Hinsicht trägt er ein janusköpfiges Gesicht, trägt zwei Seelen in einer Brust. Vielen Zeitgenossen erschien es, als gäbe es zwei oder mehrere Faschismen gleichzeitig. Mussolinis Justizminister Alfredo Rocco erläuterte die Zwiespältigkeit im Jahre 1926 öffentlich: Es bestanden Dualismen zwischen Autorität und Populismus, zwischen Anerkennung des Privateigentums und Syndikalismus, zwischen unternehmerischer Privatinitiative und Staatsinterventionismus. Der Futurist Volt (Vincenzo Fani) identifizierte sogar fünf Seelen, zu denen neben mehreren Spielarten des Nationalismus eben auch ein revolutionärer Republikanismus und der Syndikalismus gehörten. Es bestanden mehrere Faschismen innerhalb der Bewegung, die oftmals nur den Namen miteinander gemeinsam hatten. Die Janusköpfigkeit ist auch in faschistischer Presse greifbar: Schwanken zwischen eher konservativen Standpunkten gegenüber der Linken und Subversion gegenüber Kapital und Bürgertum. Diese Gegensätze innerhalb des Faschismus waren auch der frühen Komintern vor ihrer politischen Selbstkastration unter Stalin klar, was ihre einschlägige Resolution vom Juni 1922 belegt. Zeitgenössische italienische Beobachter erkannten schon um 1921, dass der Faschismus einen sozialen Mischcharakter besaß, eben keine reine Mittelschicht-Bewegung war. Die sozial heterogene Zusammensetzung des Faschismus erlaubte es ihm, sich in Momenten der gesellschaftlich-ökonomischen Krise in alle Schichten hineinzufressen. Der faschistische Historiker Gioacchino Volpe definierte den Faschismus nicht ganz zu Unrecht als die erste italienische Volksrevolution, somit hinausgreifend über die revolutionäre Linke oder das von bürgerlichen Minderheiten getragene Risorgimento. Der Faschismus war kein Haufen pathologischer Verbrecher, sein Aufstieg wäre ohne charakterlich gesunde, anständige Aktivisten und Idealisten unmöglich gewesen. Es ist ebenso fragwürdig, die Anhänger des Faschismus, wie seit den 20er Jahren üblich, vor allem als durch sozialen Abstieg motiviert zu betrachten – viele handelten ebenso aus echter Überzeugung. Ihre bildungsbürgerliche Reduktion auf eine Barbarenhorde greift nicht, ebenso die Verteufelung der Faschisten als Hilfstruppe des Kapitals. Der Faschismus kann auch nicht, wie Antonio Gramsci schon 1926 sehr richtig erkannte, auf die Rolle eines reinen Kampforgans der Bourgeoisie reduziert werden. Stattdessen war er eine soziale Bewegung: Eine „soziale Bewegung ist ein mobilisierender kollektiver Akteur, der mit einer gewissen Kontinuität auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation mittels variabler Organisations- und Aktionsformen das Ziel verfolgt, grundlegenderen sozialen Wandel herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen.“ (Joachim Raschke) Als eine organisationsdominierte soziale Bewegung gehört der Faschismus eher in die Nähe der Arbeiterbewegung als der Neuen Sozialen Bewegungen (auch wenn es keinen eindeutig dominierenden Organisationskern gibt). Der Frühfaschismus kommt nicht zuletzt aus dem revolutionären Syndikalismus wie aus dem linken Sozialpatriotismus und argumentiert mit Anleihen bei Marxismus und Anarcho-Syndikalismus. Er schloss zwar keine Bevölkerungsgruppe von vornherein aus, etablierte sich als ausgesprochener late-comer aber in den durch die Industrielle Revolution entstandenen, zwischen organisierter Arbeiterbewegung und klassischer Bourgeoisie schwebenden Schichten. Hierbei versuchte der Faschismus, als Protestbewegung gesellschaftliche Missstände und Aggressionen in die Zerstörung der alten Ordnung umzuwandeln: Krieg gegen die bestehende Gesellschaft, Ziel die nationale Erneuerung. Italo Balbo: „Als ich aus dem Krieg heimkehrte, ging es mir wie vielen anderen. Ich hasste die Politik und die Politiker, die, meiner Ansicht nach, die Hoffnungen der Soldaten betrogen hatten, indem sie Italien in einen schändlichen Frieden gezwungen hatten, und die solche Italiener, die den Heldenkult beibehalten wollten, systematisch demütigten. Sollte man weiterkämpfen, um schließlich in das Land Giolittis zurückzukehren, der aus jedem Ideal eine Ware gemacht hatte? Nein. Dann doch besser alles verleugnen, alles zerstören, um alles von Grund auf neu aufzubauen.“ Curzio Malaparte: „Wir sind aus dem Krieg mit einem wilden Hass gegen unsere Feinde zurückgekehrt, nicht gegen den Feind, den wir vier Jahre hindurch bekämpft hatten, sondern gegen diejenigen auf unserer Seite, die uns hatten leiden machen, die uns auf tausend Arten gedemütigt hatten, ohne Notwendigkeit. Während des Krieges hatten wir nicht aus Schuld des Feindes gelitten. Der Feind, den wir bekämpften, war ehrlich, ritterlich, er litt mit uns, aus den gleichen Gründen wie wir. Alle Soldaten, aller Nationen, sind heimgekehrt mit dem Herzen voll Hass gegen diejenigen aus ihrer eigenen Nation, die sie hatten leiden machen, die sie auf tausend Arten gedemütigt hatten. (...) Wir lagen im Schützengraben, doch unser Feind lag nicht dort, uns gegenüber: er befand sich hinter uns, in unserem Rücken. Questa porca Italia, dieses fette, sadistische, bösartig grinsende Italien, das seine Soldaten als Knechte, als Sklaven, als feiges Pack behandelte. (...) Wir kehrten heim mit wildem Hass im Herzen gegen dieses elende, niederträchtige, rhetorische, königliche, aristokratische, bürokratische Italien, das Italien der Litzen, der Kutten, der Käppis, der Stiefel, der Kronen...“ Gabriele d´Annunzio: "Glaubt ihr, ich sei Sozialist? Ich bin immer derselbe geblieben...ich bin und bleibe Individualist...Der Sozialismus in Italien ist eine Absurdität. Bei uns gibt es nur einen politischen Weg, Zerstören. Was jetzt ist, ist Moder, ist der Tod, ist gegen das Leben. Man muss Beute machen. Eines Tages werde ich auf die Straße gehen." Benito Mussolini: „Mit seiner ungeheuren bürokratischen Maschine gibt einem der Staat das Gefühl des Erstickens. Der Staat war für das Einzelwesen erträglich, solange er sich damit begnügte, Soldat und Polizist zu sein; heute aber ist der Staat alles: Banker, Wucherer. Spielhöllenbesitzer, Schiffer, Kuppler, Versicherungsagent, Briefträger, Eisenbahner, Unternehmer, Lehrer, Professor, Tabakverkäufer und unzähliges andere mehr, außer seinen früheren Beschäftigungen als Polizist, Richter, Gefängniswärter und Steuereintreiber. Der Staat, dieser Moloch mit den schrecklichen Zügen, sieht heute alles, tut alles, kontrolliert alles und richtet alles zugrunde. Jede Staatsfunktion ist ein Unglück. Ein Unglück die Staatskunst, die Staatsschifffahrt, die staatliche Lebensmittelfürsorge – und die Litanei könnte bis ins Unendliche fortgehen...Wenn die Menschen nur eine blasse Ahnung von dem Abgrund hätten, auf den sie zugehen, so würde die Zahl der Selbstmorde wachsen: wir aber gehen der vollständigen Vernichtung der menschlichen Persönlichkeit entgegen. Der Staat ist jene furchtbare Maschine, die lebendige Menschen verschluckt und sie als tote Ziffern wieder ausspuckt. Das menschliche Leben hat keine Geheimnisse mehr, keine Intimität, weder im Materiellen noch im Geistigen; alle Ecken werden durchschnüffelt, alle Bewegungen gemessen, jeder ist in sein Fach eingesperrt und nummeriert wie im Zuchthaus.“ Roberto Farinacci: „Da liegt die Gefahr: bei den Freunden der letzten Zeit – der Presse wie den Menschen; bei den späteren Helden;...bei den falschen Freunden oder versteckten Feinden von gestern, die heute die wärmsten Freunde sind, und morgen die schlechten Berater sein werden. Notwendigerweise soll sich der Faschismus vor solcher – schlimmsten – Gefahr rechtzeitig in Acht nehmen. Diese Vorsorge...bildet die Grundlage, um seine ursprüngliche Stärke und seine Flexibilität zu erhalten und seine Märtyrer und seinen Erfolg nicht zu betrügen. Es ist notwendig, dass das wandlungsfähige Tier des alten duckmäuserischen Konservatismus zerstört wird; dass die alte Klientel kontrolliert...und hauptsächlich entfernt wird; es ist notwendig, dass niemand dank des Faschismus...seine alten sündigen Gewohnheiten weiter treibt. Der Sieg muss integral sein, indem er nicht nur zur Erneuerung der herrschenden Stände und deswegen zur kompletten Wiederaufwertung des Geistes der nationalen Stärke führe, sondern auch eine vollständige breite Erneuerungsbewegung der lebendigen Zentren des Nervensystems der Nation im moralischen Bereich beginne.“
Nationale Erneuerung
Der Gedanke des palingenetischen, die Nation erneuernden Nationalismus ist keine Erfindung des Faschismus. Sie geht direkt auf die Französische Revolution von 1789 zurück. Ebenso ein Kind von 1789 ist das Konzept einer säkular-ästhetischen Ersatzreligion. Nur ersetzte der Faschismus die modernen Gedanken des Rationalismus, Materialismus und Egalitarismus durch philosophischen Vitalismus, Idealismus und die Metaphysik des Willens, die alle selbst wiederum modern waren. Gefordert wurde die Überwindung gesellschaftlicher Dekadenz durch eine revolutionäre neue Kultur unter Führung neuer Eliten, die Schaffung einer diesseitigen Zivilreligion, eines Systems von Mythen. Vitalismus und Dynamismus provozierten eine Art permanenter Revolution. Die Ideale von 1789 waren um die Wende zum 20. Jahrhundert durch das Bürgertum schon längst in eine für es selber passende Form transferiert, und zwar gegen die breite Volksmasse. Der Faschismus hasste den bürgerlichen Liberalismus aus voller Überzeugung, den Materialismus und die bindungslose Beliebigkeit, seinen rücksichtslosen Individualismus. Ein konservatives Bedürfnis nach Ruhe, Ordnung und schmaler, stabiler Elite lief dem faschistischen Verständnis mit seiner permanenten Mobilisierung ebenfalls zuwider. Umgekehrt war die Übertragung staatlicher Funktionen auf die Syndikate für den alten Rechtsnationalismus undenkbar. Von diesem unterschied der Faschismus sich auch hinsichtlich seines Charakters als Massenbewegung und seines kultur- und sozialrevolutionären Selbstverständnisses. Der sich auf Giuseppe Mazzini berufende Nationalismus der italienischen Nationalsyndikalisten und Frühfaschisten hat nichts mit dem völkischen Nationalismus der NSDAP zu tun. Mazzini vertrat einen progressiven Nationalismus. Er stand für ein Europa der Nationen, für Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit, gegen Monarchie und Elitenherrschaft, für die Integration der Arbeiter usw. Es handelte sich um einen Nationalismus von unten, und zwar durch die Volksrevolution. Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit wurden zu sozialen Zusicherungen und individuellen Verpflichtungen, sie alle haben dem Fortschritt des Ganzen zu dienen. Das Ganze ist hier die Menschheit, die Nation ist dabei nur Mittel zum Zweck. Der Mazzinismus trifft sich also mit der italienischen Spielart des National-Syndikalismus. Der Italiener galt Mazzini als überlegener Menschentypus: Gott segnete den Germanen mit dem Geist und den Franzosen mit der Tat. Der Italiener hingegen vereint beides in sich und ist berufen, einst die Menschheit zu erlösen. Gerade der Mazzinismus ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf dessen Basis sich die diversen Strömungen innerhalb der frühfaschistischen Bewegung treffen sollten. Ab ca. 1920 machten sich noch aus der Azione Nazionalista Italiana (ANI) stammende Einflüsse bemerkbar, die stark an den rechten Flügel der Konservativen Revolution in Deutschland erinnern (Moeller van den Bruck, Wilhelm Stapel, Max Hildebert Boehm). In seinem Nationalismus stand demnach aber selbst der rechte Flügel des italienischen Faschismus nur so weit rechts wie der linke Flügel der NSDAP (siehe oben).
Vom revolutionären zum nationalen Syndikalismus
Der Faschismus ist nicht vorstellbar ohne weltanschauliche Veränderungen in den Reihen der revolutionären Syndikalisten Frankreichs und vor allem Italiens. Nachdem das Proletariat schon vor dem Ersten Weltkrieg als revolutionäres Subjekt versagt hatte und die sozialdemokratischen Parteien sich dem bürgerlich-kapitalistischen System trotz allen Revolutionsbombasts angepasst hatten, kam es auf der radikalen Linken zu Umorientierungen. Arturo Labriola entwickelte schon vor dem Ersten Weltkrieg das Konzept der proletarischen Nation Italien. Die Italiener wurden demnach als Nationalität im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung ausgebeutet. Revolutionäre Veränderungen mussten sich daher auf die Gesamtgesellschaft beziehen und nicht auf eine Klasse. Daraus resultierte bald die Ansicht, man müsse die vollständige Entwicklung des Kapitalismus vorantreiben, denn ohne diesen gab es keinen erfolgreichen revolutionären Kollektivismus. Angesichts der zahlenmäßigen und politischen Schwäche des Industrieproletariats musste die revolutionäre Bewegung sich zwangsläufig auch auf andere Gesellschaftsschichten stützen: Bauern, Landarbeiter und produktive Mittelklasse. Inklusive der Kleinbauern gehörten im frühen 20. Jahrhundert 53 % der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung den alten und neuen Mittelklassen an, die sich rapide vergrößerten. Hier lag die latent stärkste politische Kraft Italiens, das Industrieproletariat stellte gerade um die 20 % und war zu zwei Dritteln politisch unorganisiert und indifferent. Eine „wissenschaftlich-sozialistische Perspektive“, die unter „Arbeiterklasse“ nur die klassenbewussten, organisierten Proletarier versteht, hat demographisch und soziologisch eine absolute Schieflage und ist für die Analyse gänzlich ungeeignet. Diese Mittelklassen, die wie gesagt von proletaroiden Kleinselbständigen auf dem Land bis hin zu modernen Agrar- und Mittelunternehmern reichten, sahen sich, wie Luigi Salvatorelli schon 1923 ganz richtig erkannte, zwischen dem organisierten Großkapital und der organisierten Arbeiterklasse eingezwängt und bedrängt – als ihr klassenmäßiger Ausweg sollte sich einst der Faschismus erweisen. Das Kleinbürgertum hatte den Kriegseintritt begrüßt, aber auch nach Kriegsende blieb es eingekeilt. Die alten Eliten und die Sozialisten kungelten miteinander, bildeten neue Entscheidungskartelle. Ebenso wie das Großkapital ging die Arbeiterbewegung gestärkt aus dem Krieg hervor, während die Welt des Kleinbürgertums in Trümmer ging. So konnte der Faschismus zum Klassenkampf der alten und neuen Mittelschichten werden. Karl Radek definierte den Faschismus 1923 als „Sozialismus des Kleinbürgertums“. Beobachter wie Don Sturzo erklärten noch 1926, der Faschismus sei eine Verkleidung des Sozialismus unter nationalem Deckmantel, angefeuert vom Kriegserlebnis. Selbst Palmiro Togliatti registrierte diese unterschiedlichen Tendenzen: Der Faschismus war klar antiproletarisch, aber keinesfalls nach Diktatur des Finanzkapitals strebend. Togliatti sprach sich übrigens 1935 vehement gegen die Dimitroffschen Schematisierungen aus. Labriolas Endziel war ein pluralistisches, syndikalistisches System als Weg zum Sozialismus. Hauptfeind war in dieser Lesart nicht mehr die Bourgeoisie. Italien wurde nicht durch die Bourgeoisie regiert, sondern durch eine dekadent-ausbeuterische Oligarchie aus Adel, Klerus und Großkapital. Diese Betrachtungsweise weist übrigens gewisse Ähnlichkeiten zu dem Anarchisten Errico Malatesta auf, der eine starr-schematische Klassenperspektive ebenfalls ablehnte. Vonnöten war nach Meinung der italienischen Syndikalisten eine vorbereitende Revolution, um das politische und wirtschaftliche System fortschrittlicheren Kräften zu öffnen. Als Kampfmittel dienten die schöpferische Gewalttätigkeit Sorels, die direkte Aktion und heroisch-revolutionäre Taten. Gewaltanwendung bis hin zum Mord war im späteren Faschismus als Mittel der nationalen Reinigung und Erneuerung positiv besetzt. Labriolas Genossen Sergio Panunzio, Angelo Olivetti und Edmondo Rossoni entwickelten den integralen Syndikalismus aller Produzierenden und sollten sehr bald eine gewichtige Rolle im Faschismus spielen. Die gesamte Arbeiterbewegung sollte sich in den Dienst der höheren Ziele der Nation stellen, Etatismus und Syndikalismus fusionierten also im Faschismus. Im „Manifesto dei sindacalisti”, dem Programm des revolutionären Syndikalismus von 1921, hieß es: „Der Syndikalismus erkennt das Faktum und die Existenz der Nation als geschichtliche Realität an, die er nicht zu negieren, sondern zu integrieren beabsichtigt. Mehr noch: die Nation selbst wird verstanden als das größte Syndikat, als die freie Assoziation aller Produktivkräfte in einem Land, dessen Grenzen und dessen Einheit von der Natur, der Geschichte, der Sprache und dem tiefen und unbesiegbaren Geist des Stammes vorgegeben sind. Das nationale Faktum ist immanent, fundamental und höchstrangig, es ist das Maximalinteresse für alle Produzenten. Fremd sind der Nation nur die Parasiten, die unproduktiven Elemente." Der syndikalistische Internationalismus der Italiener sah eben so aus, dass es sich um die Freie Vereinbarung der Nationen handelte. Die Gleichung des Kampfes zwischen proletarischen und bourgeoisen Nationen hat im Grunde genommen immer noch Gültigkeit, nicht zuletzt für die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt. Labriolas Konzept der proletarischen Nation wurde auch durch Mussolini verfochten, über seine Person fand es dann Einzug in die Schriften Lenins und teilweise auch des Nationalsozialismus.
Teil 2: Die Geburt der faschistischen Bewegung
Von Roland Lorent
1914 – Der revolutionäre Krieg
Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges verabschiedete die syndikalistische Gewerkschaft Unione Sindicale Italiana eine Resolution gegen den Krieg. Unter Führung von Alceste De Ambris protestierten die Syndikate Mailands gegen den Pazifismus ihrer Mutterorganisation und forderten den Kriegseintritt gegen die Mittelmächte. Im Oktober 1914 entstand der interventionistische Bund „Fascio Rivoluzionario d`Azione Internazionalista“ (FRAI) – die Keimzelle des Begriffes „Faschismus“. Interessanterweise ist der Begriff „Fascio“ (in etwa Bund) nicht etwa rechter Herkunft, sondern entstammt der revolutionären Tradition der romanischen Linken. Die Fasces, das Rutenbündel, wurde im 19. Jahrhundert von Marianne, der französisch-revolutionären Symbolfigur, getragen, und zwar als Zeichen der republikanischen Solidarität gegen Aristokratie und Klerus. In Fasci organisierten sich auch die italienischen Revolutionäre des späten 19. Jahrhunderts. Dem Fascio erschien der Krieg als Weg zur Revolutionierung Italiens. Er sollte die bürgerlich-demokratische Entwicklung vollenden und Italien so reif für die proletarische Revolution machen. Zudem sahen die Linksinterventionisten den Kampf der demokratischen Entente gegen die durch die Mittelmächte geradezu verkörperte Reaktion als einen fortschrittlichen Krieg im Sinne von Marx und Engels an. Weder Marx noch Engels waren Pazifisten, sondern befürworteten fortschrittliche Kriege gegen reaktionäre Gegner. So traten sie 1870 für Bismarck gegen Napoleon III. ein, da dieser fortschrittliche Krieg die nationale Einheit Deutschlands vorantrieb. 1871 aber solidarisierten sie sich mit der Pariser Kommune und der revolutionären Republik in Frankreich gegen Deutschland. Dieser „progressive Krieg“ findet sich auch bei den französischen Sozialisten; den deutschen Genossen war eine militante Feindschaft zum noch reaktionäreren zaristischen Russland ebenfalls nicht fremd. Der italienische Linksinterventionismus (einen nationalistischen Rechtsinterventionismus gab es selbstredend auch) speiste sich also vorwiegend aus dem wissenschaftlichen Marxismus und nicht etwa aus nationalistischen Gewässern, auch wenn das Risorgimento, die Befreiung der unter habsburgischem Joch lebenden Italiener, eine gewisse Rolle spielte. Sehr deutlich wird das alles bei Benito Mussolini, bislang Wortführer des radikalen Flügels der Sozialisten und Chefredakteur des Parteiorgans „Avanti“. Mussolini war zwar kein erklärter Syndikalist, aber er stand ihrem Gedankengut sehr nahe. Noch in den Junikämpfen von 1914 („Rote Woche“) trat er als prononcierter revolutionärer Agitator hervor, die blutigen Unruhen waren nicht unerheblich auf ihn zurückzuführen. In genau diesen Junikämpfen erkannte Mussolini aber auch, dass die revolutionäre Kraft des Proletariats nicht ausreichte. In diese, wenn man so will, vorrevolutionäre Situation Italiens platzte der Kriegsausbruch hinein. Wie die USI, so bezog auch die PSI-Mehrheit Stellung gegen den Krieg, und zwar in einer Deutlichkeit, die in der Sozialistischen Internationale beinahe einzigartig war. Vor allem die französischen Sozialisten umwarben ihre italienischen Genossen und erklärten, der von ihnen propagierte Generalstreik gegen einen etwaigen Kriegseintritt Italiens sei revolutionärer Kretinismus. Zu dieser Ansicht gelangte auch Benito Mussolini und stellte sich zur Überraschung der Partei gegen ihren pazifistischen Kurs. Der Geist des Sozialismus sei wertvoller als der Buchstabe der Partei, und der Kriegseintritt werde die Lage in Italien noch weiter verschärfen und es revolutionieren. Italien und die italienische Arbeiterklasse dürften in diesem historischen Augenblick nicht abseits stehen. Die Internationale habe die Frage der Nation ignoriert, nun sei sie tot. Mussolini wollte sich nicht vom Sozialismus und vom Internationalismus lossagen und hoffte, irgendwann werde die Internationale neu erstehen. Dennoch: Millionen von Proletariern standen in den Schützengräben, und vor allem die SPD hatte die Internationale verraten. Der Klassenkampf sollte für die Kriegsdauer gestoppt und danach wieder aufgenommen werden. Mussolini erklärte, der Krieg sei furchtbar – aber eine Revolution sei ebenso brutal. Die Antwort bestand im Parteiausschluss, der am 29. November 1914 vom PSI-Vorstand bestätigt wurde. Die Kritiker des Parteirebellen hielten ihm einen vereinfachenden Voluntarismus, einen rein ästhetisch-dynamischen Revolutionsbegriff und Aktionismus als Selbstzweck vor. Als Sprachrohr Mussolinis erschien ab dem 15. November 1914 die Zeitung „Popolo d`Italia“. Der „Popolo“ wurde von seinem Begründer als sozialistisches Organ aufgefasst; sein Untertitel „Sozialistische Tageszeitung“ verschwand erst 1918. Als Patrone wurden Blanqui, der Theoretiker des Putschismus, und der revolutionäre Kaiser Napoleon Bonaparte gewählt. In der Propaganda entwickelte sich ein ausgesprochener Revolutions- und Gewaltkult, der sich auch gegen das Bürgertum richtete. Offen wurde die Vernichtung aller gefordert, die sich gegen die nationalen wie internationalen Interessen des italienischen Proletariats stellten. Vorbild Pariser Kommune: Bewaffneter Kampf gegen die militaristische Reaktion. Krieg und Revolution galten als Einheit. Der Krieg revolutionierte die eigene Gesellschaftsordnung und diejenige anderer Länder, die Bajonette sollten die alte Zeit hinwegfegen und das eingeschläferte Bewusstsein der Massen wecken. Die industrielle Konzentration des „Kriegssozialismus“ konnte als Vorstufe zum eigentlichen Sozialismus fungieren. Am 12. Dezember 1914 erlebte Mailand die erste Solidaritätsveranstaltung für den aus dem PSI ausgeschlossenen Mussolini. Das Publikum bestand aus Hunderten von Republikanern, Gewerkschaftern, Anarchisten, Syndikalisten und Linksinterventionisten. Gemeinsam wollte man einen neuen Bund gründen, keine neue Partei. Am Folgetag verkündete Mussolini in Parma, die Politik der SPD habe die Internationale vernichtet. Der Verrat der Deutschen zwinge alle anderen Sozialisten, sich auf ihre Nation und deren Verteidigung zu besinnen. Das Proletariat hatte sich zwischen den Lagern zu entscheiden, also für den Kampf gegen die reaktionären Mittelmächte. Für die Neutralität seien in Italien nur die Konservativen: Pazifisten, Altlinke, das schwächliche Bürgertum, der Klerus. Das Beispiel der vom deutsch-österreichischen Imperialismus vergewaltigten Kleinstaaten Belgien und Serbien spielte ebenso eine Rolle. Der nationale Krieg Italiens sollte auch aus sozialen Gründen geführt werden: Solidarität mit dem Frankreich der Menschenrechte und der Revolution. Deutschland wiederum könnte durch seine Niederlage republikanisch-sozialistisch erneuert werden, Deutschlands Niederlage sollte Europa den roten Frühling bringen. Ganz richtig folgerte Mussolini, wer um seine Haut zittere, werde nicht in den Schützengraben steigen. Am Tag der Revolution werde man ihn aber auch nicht auf den Barrikaden sehen. Sehr bald sah die „Popolo“-Gruppe sich in der Tradition der Jakobiner: revolutionärer Krieg gegen den reaktionären Feind. Zugleich sollte der Kampf auch gegen den inneren Feind geführt werden, und zwar mit allen Mitteln. Der Weltkrieg galt als Bürgerkrieg zwischen Fortschritt und Reaktion. Aus dem FRAI gingen durch Schulterschluss zwischen Mussolinis PSI-Renegatengruppe und den syndikalistischen Interventionisten Anfang Januar 1915 die „Fasci d`Azione Rivoluzionaria“ hervor. Die ebenfalls vehement den Kriegseintritt fordernden Futuristen gründeten mit den Fasci Politici Futuristi ihre eigenen Bünde. Im Gründungsmanifest der FAR hieß es: „Der Klassenkampf ist eine leere Phrase, kraftlos und fruchtlos, solange ein Volk nicht in seinen eigenen, natürlichen Sprach- und Rassengrenzen lebt und die Nationalitätenfrage nicht gelöst ist (...); dies ist die notwendige historische Voraussetzung für die normale Entwicklung der Klassenbewegung, des Fortschrittes und des Sieges der Ideen des Arbeiterinternationalismus.“ Zugleich tauchten allerdings auch Großmachtambitionen für Italien auf. Im PSI mehrten sich Ausschlüsse von Interventionisten, so dass die FAR rasch Zulauf bekamen. An der ersten nationalen Versammlung der Fasci in Mailand nahmen 46 Delegationen aus ganz Italien teil. Mussolini erklärte Karl Marx für veraltet, und empfahl die Hinwendung zu Mazzini, Proudhon, Bakunin oder Fourier. Der Krieg sollte vorangetrieben werden. Solange das Bürgertum am Ruder war, hatte der italienische Proletarier kein Vaterland. Das Proletariat sollte zum Krieg drängen und die Massen mobilisieren und bewaffnen, um das Bürgertum von der Bühne zu verdrängen. Gefordert wurde der nationale Befreiungskrieg gegen Berlin und Wien, aber auch gegen die italienische Reaktion von linken Pazifisten bis hin zum Vatikan. Die italienische Monarchie sollte beseitigt werden, sie war wie das Bürgertum unfähig, diesen Krieg zu führen und zu gewinnen. Ein Vorbild für die späteren militanten Massenaktionen des Faschismus war der Mai 1915: Im „maggio radioso“ rissen die rechten wie linken Interventionisten die öffentliche Sphäre durch Massenaufmärsche an sich und zwangen – jedenfalls ihrer Sichtweise nach – das italienische Parlament und die kriegsunwillige Oligarchie in den Weltenbrand hinein. Für die Fasci war der Mai 1915 der Beginn einer Entwicklung hin zur antiparlamentarischen Revolution. Allerdings zerbrach die Bewegung 1917 am Widerspruch zwischen den revolutionären und den nationalen Syndikalisten und löste sich auf. Februarrevolution und Oktoberrevolution in Russland galten Mussolini als Bestätigung seiner Thesen: Der Krieg hatte einen revolutionären Charakter, nun hatte Russland sich von den germanophilen Reaktionären befreit: „1789 in Russland“. Gegenüber Plechanow forderte er, das russische Proletariat solle diesen revolutionären Krieg an der Seite der Alliierten fortsetzen. Der bolschewistische Terror radikalisierte Mussolini weiter und hatte Vorbildfunktion. Schon Blanqui und Sorel unterstrichen die revolutionäre Gewaltanwendung entschlossener Minderheiten.
Frühfaschismus – eine linke Bewegung?
Anfang 1919 zog Mussolini das Fazit seines revolutionären Krieges: 20 Kronen seien in den Staub gerollt, vor allem in Deutschland. Die Niederlage der Mittelmächte erschien ihm als Götterdämmerung der Reaktion, nun werde der Triumph der Massen kommen: „Wir haben diesen Gewittersturm gewollt, 1914 herbeigerufen und wir bekennen uns dazu 1919.“ Es folgte am 23. März 1919 die Gründungsversammlung der faschistischen Kampfbünde, der Fasci die Combattimento, an der Piazza San Sepolcro in Mailand. Die Gründungsmitgliedschaft setzte sich vor allem aus nationalen Syndikalisten, Sozialisten, Arditi-Frontkämpfern und Futuristen zusammen, es bestanden landesweit bereits rund 30 Fasci. Von den 191 Teilnehmern (darunter 9 Frauen) sind von 85 die Berufe bekannt: 21 Schriftsteller und Journalisten, 20 Angestellte und 12 Arbeiter. Fast alle Urfaschisten waren unter 40, 15 % sogar unter 20 Jahre jung. Der Faschismus organisierte sich also NEBEN der rechten ANI als eigenständige Bewegung. Wichtig ist der Beitrag des Syndikalismus: Michele Bianchi und Cesare Rossi waren Gründungsmitglieder, ihr Genosse Agostino Lanzillo saß im Zentralkomitee der Fasci. Die ersten beiden Generalsekretäre der Bewegung waren die Syndikalisten Longoni und Pasella, Bianchi sollte 1921 erster Generalsekretär des neuen PNF werden. Die Organisationsstruktur der Bewegung wurde maßgeblich durch syndikalistisches Gedankengut bestimmt. Alceste De Ambris wollte als führender Repräsentant der neuen nationalsyndikalistischen Gewerkschaft Unione Italiana del Lavoro (UIL) parteipolitische Neutralität wahren, beeinflusste aber das frühfaschistische Programm stark. Das Minimalprogramm vom 30. März 1919 erschien Mussolini selbst als nicht sonderlich revolutionär. Seine Zwecke waren die Erneuerung der Nation und die Demokratisierung Italiens, wobei Mussolini sich zum syndikalistischen Prinzip bekannte. Der Staat sollte sich aus der selbstverwalteten Wirtschaft heraushalten. Kernforderungen des frühen Nachkriegsfaschismus waren Umwandlung Italiens in eine Republik, politische Dezentralisierung, allgemeines Wahlrecht, Entbürokratisierung, Frauenwahlrecht, Achtstundentag, weitreichende Mitbestimmung der Arbeitnehmer in den Betrieben, Antiklerikalismus, außenpolitischer Nationalismus, Abschaffung des Adels usw. Im Mai konkretisierte man die Forderungen weiter. Nun tauchten auch die Enteignung unproduktiven Kapitals und ungenutzten Landbesitzes auf. In mehreren Schüben dauerte die Programmdiskussion bis in den Oktober hinein an: Verstaatlichung des Großgrundbesitzes, von Industriebetrieben, Bergbau, Verkehrswesen, Banken und Kircheneigentum. Eine radikale Kapitalbesteuerung sollte zur teilweisen Enteignung der großen Vermögen führen, ebenso sollten 85 % der Kriegsprofite beschlagnahmt werden. Der Faschismus radikalisierte sich also 1919 – nach links. Es erschien zu diesem Zeitpunkt als vollkommen unklar, ob der Faschismus eine rechte oder eine linke Bewegung war. Der deutsche Faschismusexperte Stefan Breuer verortet ihn, ebenso wie Renzo de Felice, auf der politischen Linken. Von Anfang an erteilte diese Bewegung jedoch allen theoretischen Doktrinen eine klare Absage. Den PSI attackierte man als die einzige wahrhaft reaktionäre Partei Italiens, da er sich dem Krieg widersetzt hatte. Alle Forderungen der Arbeiter sollten unterstützt werden, um sie einerseits vom PSI zu lösen und sie andererseits daran zu gewöhnen, die Betriebe selbständig zu leiten, und zwar ohne Bevormundung durch den PSI und seine CGL-Gewerkschaften. Durch das Ziel, die revolutionären Kräfte Italiens für die Nation zu gewinnen, unterschied der Faschismus sich klar vom herkömmlichen Antikommunismus. Die Formierung des Frühfaschismus fällt in die Zeit des „Biennio rosso“, der zwei roten Jahre von 1919 und 1920. Italien präsentierte sich als Nachzügler der revolutionären Welle von 1917/1918. Diese Phase war geprägt durch sehr intensive und teilweise vorrevolutionäre Streikaktivitäten der Gewerkschaften. Die offen gewaltsame Durchsetzung ihrer Ziele konzentrierte sich jedoch vorwiegend (zu rund 80 %) auf das Land, wo die sozialistischen Landarbeiterverbände (Federterra) bis hin zur Verbrennung von Scheunen, dem Abschlachten der Viehbestände und der sozialen Ächtung derjenigen gingen, die ihren Diktaten Widerstand entgegensetzten, ihr Monopol auf Arbeitsvermittlung und Tarifverhandlungen nicht anerkannten oder den Beitritt verweigerten. Es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zusammenstößen zwischen nationalistischen ANI-Militanten und linken Revolutionären. Letzten Endes kam es aber nicht zum Umsturz, denn die Führungen der sozialistischen Gewerkschaft CGL und des PSI schreckten vor dem Radikalismus ihrer nur noch schwer kontrollierbaren Basis zurück und handelten einen faulen Kompromiss mit dem tatenlosen Staat und dem Kapital aus. Die italienische Linke befand sich ab Mitte 1920 in der Defensive, sie hatte im Machtkampf versagt. Die Folgen waren zweierlei: Ernüchterung und Enttäuschung an der linken Basis sowie Entfremdung der italienischen Mittelschichten, die, wie wir gesehen haben, ein weitaus größeres Gewicht als das Industrieproletariat hatten. Entfremdet wurden die Mittelschichten auch dem Staat, der sich nicht für die Aufrechterhaltung der Ordnung oder für ihren Schutz einsetzte und dessen Ansehen durch Gabriele d´Annunzios national-syndikalistische Fiume-Expedition und deren Beendigung durch italienisches Militär weiteren Schaden nahm. Diese Fakten möge der Leser bitte im Gedächtnis behalten, sie sind von erheblicher Bedeutung für den Aufstieg des Faschismus zur Massenbewegung. 1919 suchte der Faschismus in jedem Falle Anschluss an die Linke: Streiks, Lohnbewegungen, Betriebsbesetzungen, lokale Enteignungen. Lenin als Staatsmann wurde öffentlich von Mussolini gelobt, und zwar als Gegenbeispiel zur chaotisch agierenden und heillos zerstrittenen italienischen Linken. Die möglicherweise sogar erste Betriebsbesetzung in Italien erfolgte am 17. März 1919 in der Fabrik „Franci e Gregorini“ in Dalmine bei Bergamo, und zwar durch – die Faschisten. Mussolini erschien am 20. März persönlich im Betrieb. Dieser Arbeitskampf war nach seinen Worten kein Streik alten, destruktiven Stils mehr, sondern ein neuer, schöpferischer Streik. „Ihr steht auf dem Boden eurer Klasse, habt aber die Nation nicht vergessen...Ihr belehrt gewisse Industrielle, insbesondere jene, die alles ignorieren, was sich in diesen letzten vier Jahren in der Welt ereignet hat, dass die Figur des alten, gierigen und ausbeuterischen Industriellen dem Industriekapitän weichen muss, der das Notwendige für sich verlangen kann, aber den anderen Schöpfern des Reichtums nicht Elend aufzwingen darf.“ Selbst die renommierte Kommunistin Angelica Balabanoff erklärte schon zu ihren Lebzeiten zur Legende, dass die Faschisten den Betriebsbesetzungen ein Ende bereitet hätten. Ganz im Gegenteil unterstützten sie die Besetzungen, die ihnen als neue Phase der im Mai 1915 eröffneten italienischen Revolution erschienen. Der einzige Agitator von Bedeutung, der zu den revoltierenden Industrieproletariern sprach und sich mit ihnen offen solidarisierte, war Benito Mussolini. Im Juni 1919 drohte er: „Entweder werden die Besitzenden enteignet oder wir setzen die Kriegsteilnehmer ein, um dieses Hindernis niederzureißen.“ Auch der große Metallerstreik von August und September 1919 hatte die Unterstützung der Fasci. Mussolini forderte die Sozialisierung der Industriebetriebe und die Übergabe ihrer Leitung an die Gewerkschaften. Den zurückhaltenden Reformismus der Sozialisten geißelte man mit ätzender Kritik. PSI und CGIL wurden als Bremser des Klassenkampfes attackiert. Mussolini warb um die revolutionäre Einheitsfront zwischen Faschisten, Syndikalisten, Kommunisten (damals noch den linken Flügel des PSI bildend) und Anarchisten. Am 9. und 10. Oktober 1919 verabschiedete der Kongress von Florenz das Programm der Fasci. In den Diskussionen tat sich nicht zuletzt der nationale Syndikalist Michele Bianchi hervor. Die Programmatik des Faschismus zielte laut Bianchi ganz im Sinne Labriolas nicht nur auf die Arbeiterschaft, sondern auch auf den fortschrittlichen Teil der Mittelklassen ab. Ebenso sollte der Faschismus sowohl mit Elementen der extremen Rechten wie auch den bislang noch abseits stehenden Syndikalisten paktieren. Für die Futuristen forderte Marinetti die Befreiung Italiens von Monarchie, Oberklassenherrschaft und Papismus. Die italienischen Kommunisten erkannten im Nachhinein den revolutionären Charakter des Faschismus von 1919 an: Im August 1936 appellierte die KPI an die „Faschisten der alten Garde“, gemeinsam mit ihnen für die Verwirklichung der altfaschistischen Programmatik zu kämpfen. „Die Kommunisten erklären sich für das faschistische Programm 1919, ein Programm des Friedens, der Freiheit und der Verteidigung der Arbeiterinteressen.“ Schon jetzt baute Mussolini in Mailand einen harten Kern von Militanten auf, der zum Vorläufer der späteren Squadras werden sollte. Allerdings zeigte Mussolini sich zurückhaltend, als der Arditi-Führer Ferruccio Vecchi den Aufbau paramilitärischer Verbände und den bewaffneten Umsturz forderte. Vecchi (und Marinetti) zeichneten auch für den 15. April 1919 verantwortlich, der gemeinhin als Beginn des faschistischen Terrors gegen den PSI angesehen wird. Nach einer provozierenden Sozialistendemo in Mailand attackierten junge Offiziere, die nicht dem Fascio angehörten, auf Betreiben Vecchis und Marinettis die Linken. Die Bilanz waren drei Tote auf sozialistischer Seite, und die Redaktion des Parteiorgans „Avanti“ ging in Flammen auf. Vorerst sollte es sich um den einzigen politisch motivierten Gewaltakt aus dem Dunstkreis des Faschismus gegen die Parteilinke handeln. 1919 richteten die Gewaltexzesse und Plünderungen des Faschismus sich eher gegen Kleinhändler, Kaufhäuser und Genossenschaften sowie gegen Wohnungsräumungen und waren klar sozial motiviert. Offen forderten die Fasci, man solle alle Vermieter und Spekulanten kurzerhand aufhängen. Mussolinis Rolle fällt bereits zu dieser Zeit etwas zwiespältig aus. Einerseits predigte er die soziale und nationale Revolution, andererseits wurden er und sein „Popolo d`Italia“ von Geldgebern aus Mailänder Industriekreisen finanziert. Diese Finanzierung galt nur seiner Person, wodurch er eine gewisse Unabhängigkeit vom Rest der faschistischen Bewegung gewann und zugleich zu ihrer Hauptgeldquelle wurde. Bis auf diese Mailänder Besonderheit ist eine Industriefinanzierung des Faschismus in der Frühzeit nicht belegbar. In jedem Falle zeigte Mussolini sich ab Spätsommer 1919 als eher gemäßigt und verlieh seiner Ablehnung gegen die Beteiligung an Streiks und Teuerungsunruhen Ausdruck. Marinettis Futuristen protestierten vehement gegen diese Zurückhaltung; die syndikalistische UIL um De Ambris und Olivetti stellte im Herbst die Zusammenarbeit mit den Fasci ein und begann einen antifaschistischen Kurs. Dieser hinderte De Ambris aber nicht, sich bald aktiv am Fiume-Experiment Gabriele d´Annunzios zu beteiligen und mit der Carta del Carnaro eine syndikalistische Verfassung zu erarbeiten. Die junge Bewegung beteiligte sich im November 1919 an den italienischen Parlamentswahlen – und erlebte ein Debakel. Von ihren 19 Kandidaten (darunter der Dirigent Toscanini) brachte sie nur einen durch (in Genua). Die Futuristen führten das Desaster darauf zurück, dass man nicht radikal genug aufgetreten sei. Angesichts von Perspektivlosigkeit und mangelnder Resonanz auf der radikalen Linken schien der Faschismus rapide zu zerfallen. Am Jahresende bestanden nur noch 31 Fasci mit 870 Mitgliedern, vor allem in Mailand, Turin, Cremona, Venedig und Triest.
Teil 3: Aufstieg zur Massenbewegung
Von Roland Lorent
Auferstanden aus Ruinen
Die scheinbar in Agonie liegende faschistische Bewegung sollte sich innerhalb kurzer Zeit wie ein Phönix aus der Asche erheben. Bereits Ende 1919 kamen überall neue, selbstbewusste regionale Faschistenführer, die so genannten Ras, auf. Zu nennen sind hier beispielsweise die Namen Italo Balbo, Roberto Farinacci oder Dino Grandi. Mit ihnen entwickelte sich eine Taktik des paramilitärischen Kampfes gegen die Linke, aber auch gegen die katholischen Popolari: der Squadrismus war geboren. Nach dem Debakel der Novemberwahlen verließen viele Altfaschisten die Bewegung. Sie wurden durch ein Frontkämpfer-Element ersetzt, dessen politische Sozialisierung nicht vor dem, sondern im Krieg erfolgte und für eine entsprechende Brutalisierung und Entmoralisierung sorgte. Die faschistischen Stoßtrupps, die Squadras, konnten sich auf einige fatale Fehler der Linken stützen. Deren Gewerkschaften hatten die Arbeitsvermittlung auf dem Lande monopolisiert, die Interessen ihrer eigenen Arbeiterklientel teilweise mit brutaler Gewalt gegen alle anderen gesellschaftlichen Gruppen durchgesetzt und auch Kleinselbständige oder Kleinbauern drangsaliert. Bemerkbar machte sich auch die Zerstrittenheit der Linken: Linkssyndikalisten, Anarchisten, Kommunisten und die beiden Fraktionen der Sozialisten (Reformisten und Maximalisten). Hinzu kam der bemerkenswerte Umstand, dass im Weltkrieg Industrieproletarier zumeist nicht zur Armee eingezogen wurden – die Wahrnehmung des Krieges durch Mittelstand, Angestellte und Landbevölkerung war eine völlig andere. Sie trugen die Lasten des Krieges und waren, eingekeilt zwischen einer starken Arbeiterbewegung und einem ebenfalls erstarkenden Großkapital, daher für die Thesen vom „verstümmelten Sieg“, von den Sozialisten als „vaterlandslosen Gesellen“ und „Feiglingen“ und für die Idee einer nationalrevolutionären Umwälzung empfänglich. Den Startschuss gab Anfang 1920 der vom faschistischen ZK nach Triest versetzte Francesco Giunta, ab Sommer wurden die Squadras von allen Fasci in Abstimmung mit der Parteizentrale aufgebaut. In Bologna übernahm der ehemalige Anarchist Leandro Arpinati das Kommando. Er begründete auch die Strategie, die Gelder der verunsicherten und verachteten Bourgeoisie in Stadt und Land einzustreichen, sich aber nicht zur willenlosen Hilfstruppe degradieren zu lassen. Wenn die Squadras sich als Miliz zur Verfügung stellten, so taten sie das nicht uneigennützig: Verbesserung ihrer personellen und materiellen Basis für den Entscheidungskampf. Schutzgelderpressungen waren ebenfalls ein gängiges Finanzierungsmittel. Keinesfalls gab der Faschismus seine Autonomie auf - die Squadras haben in Florenz und in der Toskana bereits 1920/21 auch die bürgerlichen Organisationen zerschlagen. Von einem Agrarfaschismus zu sprechen, ist eine schiefe Begrifflichkeit. Ausgangsbasis der nun expandierenden Fasci und Squadras war nicht das Land, sondern die modernen Agrostädte Norditaliens. Ihre Förderer waren auch keine reaktionären Krautjunker (diese unterstützten eher die nationalistische Konkurrenz von der ANI), sondern der fortschrittlichste Teil der italienischen Agrarbourgeoisie. Generalsekretär Pasella warnte davor, sich zu sehr mit dem Kapital und den Junkern einzulassen und die Bewegung zu diskreditieren. ZK-Mitglied Lanzillo protestierte ebenfalls gegen die Gewaltakte gegen die Arbeiterbewegung. Barbato Gatelli wütete, der die Bewegung verrate ihre Ideale und werde zum Leibwächter der Profiteure. Gabriele d´Annunzio fügte dem später hinzu, der Faschismus sei zu einer Art Agrarsklaverei verkommen. In Fiume forderte Mario Carlis Zeitschrift „La Testa di Ferro“ Anfang 1920 offen die Bildung von Räten in ganz Italien, um einen italienischen Bolschewismus zu schaffen. Die Proteste setzten den selbst nach rechts tendierenden Mussolini unter Druck, ebenso wurden die Ras durch ihre teils mehr, teils weniger freiwillige Subventionierung vor Ort von der Zentrale und von Mussolini finanziell unabhängig. Mit Cesare Rossi, dem Herausgeber des Wochenblattes „Il Fascio“, gewann Mussolini im Januar 1920 einen neuen Mitstreiter. Rossi und Mussolini setzten zunächst auf eine neue Taktik. Man zielte nicht mehr auf eine Allianz mit der extremen Linken, sondern wollte gemäßigte Sozialisten gewinnen und den Faschismus in eine Organisation des nationalen Sozialismus verwandeln. Dieser nationale Sozialismus verstand sich als klassenübergreifender Zusammenschluss aller Produzenten. Zum Zeitpunkt des II. Parteikongresses im Mai 1920 war die Bewegung wieder auf 65 Fasci mit 2375 zahlenden Mitgliedern angewachsen. Dominante Persönlichkeit des Kongresses war Rossi. Da bei der Linken nichts zu holen war, mussten die Konsequenzen gezogen werden. Man wich von der Linie ab, die Arbeiterklasse und ihre Organisationen auseinander zu dividieren – der Kampf galt nun beiden zugleich. Ebenso wurde die offen republikanische Agitation zurückgefahren, da sie bürgerliche Zielgruppen irritierte. Fulvio Marsich forderte die Konzentration auf die Mittelklassen - wie wir gesehen haben, die kopfstärkste Gruppe der italienischen Gesellschaft – und auf die Intellektuellen. Die Mittelklassen sollten durch den syndikalistischen Staat aus dem Würgegriff von Proletariat und Kapital befreit werden. In den Augen Mussolinis sollte dieser Staat sich auf seine Kernfunktionen Polizei, Militär, Gerichtsbarkeit und Finanzverwaltung zurückziehen und den Rest der Innen-, Sozial- und Wirtschaftspolitik den Syndikaten überlassen. Aus Protest gegen diese Rechtswendung verließen Marinetti und Carli die Bewegung. Während ersterer Mussolini noch im November 1924 zur Rückkehr zum Programm von 1919 auffordern sollte, kehrte letzterer bald wieder zurück und begründete 1922, gewandelt zum Sozialmonarchisten und Kulturrevolutionär, die Zeitschrift „Il Principe“, aus der sich im März 1923 „L´Impero“ entwickeln sollte. Die Spannungen zwischen dem rechten Flügel des Faschismus und den eher antikapitalistisch gesonnenen Hardlinern sollten die Bewegung noch jahrelang begleiten, Mussolinis Gefolgsmann Cesare Rocca stellte sich deswegen auch gegen Gabriele d´Annunzios Fiume-Abenteuer, da dessen Gefolgsleute das Privateigentum an Produktionsmitteln keinesfalls für heilig hielten. Die Linksfaschisten forderten bald die Übernahme der Carta del Carnaro, der nationalsyndikalistischen Fiume-Verfassung. Gleichzeitig beauftragte der Parteikongress ausgerechnet Alceste De Ambris, den geistigen Vater eben dieser Verfassung, mit der Erarbeitung eines faschistischen Agrarprogramms. Mussolini zeigte sich wenig begeistert, hielt einfache und generalisierende Lösungen für das Agrarproblem für unmöglich und trat auf die Bremse. Demzufolge konnte das Programm erst am 27. Juni 1921 verabschiedet werden. Der Faschismus forderte die Großgrundbesitzer auf, Land zur Entproletarisierung der Landarbeiter und Pächter abzugeben. Höhnisch rieb man den Sozialisten unter die Nase, dass der Faschismus konkrete Ergebnisse bringe, während man im PSI von einer in grauer Zukunft liegenden Kollektivierung sprach. Zugleich erkannte man den Wert der modernen Agrarindustrie an. Das Agrarprogramm sollte neben den Spannungen zwischen Teilen der Landbevölkerung zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren des Faschismus auf dem Land gehören. Schon die italienischen Zeitgenossen erkannten, dass man zwischen dem Frühfaschismus und dem sich ab 1920 entwickelnden norditalienischen „Agrarfaschismus“ unterscheiden müsse. Diese Phase kann man durchaus als Gegenstoß bislang passiver Regionen gegen den linken Einfluss bezeichnen. Unterstützt wurde dieser Gegenstoß natürlich von Industriellen und Großgrundbesitzern, die sich die Sozialisten vom Hals schaffen wollten. Der Antibolschewismus wurde in dieser Phase zur einigenden Klammer, die alten antibürgerlichen, antikapitalistischen Impulse, die proletarische Tendenz und die politisch-wirtschaftlichen Umgestaltungspläne traten in den Hintergrund (ohne zu verschwinden). Noch vor dem Marsch auf Rom brachen diese Gegensätze jedoch vehement wieder auf, die Machtergreifung des italienischen Faschismus erfolgte wie diejenige des deutschen Nationalsozialismus im Moment einer schweren internen Krise.
Der Faschismus, Gabriele d´Annunzio und die Syndikalisten
Die von vielen als Verrat empfundene Nichtunterstützung des Fiume-Abenteuers durch die Parteiführung rief keine wirkliche politische Spaltung hervor, sondern eher eine Spaltung zwischen dem Pragmatismus Mussolinis und dem utopistischen Revolutionär Gabriele d´Annunzio. Dieser stand bis weit ins Jahr 1920 hinein mit Vertretern der radikalen Linken in Verbindung. Der PSI versagte sich schon Anfang 1920 (auch aus Gegnerschaft zu den d´Annunzio zuneigenden Syndikalisten und Anarchisten!), aber Giulettis Seeleutegewerkschaft FILM und Errico Malatesta hielten bis Juni 1920 Kontakt mit Fiume. Malatesta strebte seit Anfang 1919 danach, die Arditi-Sturmtruppen für den Anarchismus und den Umsturz zu gewinnen. In seinem Denken spielten die Begriffe Liebe, Solidarität und Kooperation eine ebenso große Rolle wie bei Gabriele d´Annunzio. Die gemeinsamen Putschpläne drehten sich vor allem um den Eisenbahnerstreik vom Frühjahr 1920, in dessen Rahmen Ancona von Fiume-Legionären und Anarchisten besetzt werden sollte. Genau diesen Streik lehnte Mussolini ab, woraufhin sich die ersten Syndikalisten vom Faschismus trennten, wie z.B. Eno Mecheri (der weiterhin mit d´Annunzio zusammenarbeitete). Das Fiume-Abenteuer erfolgte phasenweise in enger Tuchfühlung mit den Nationalsyndikalisten und Linksfaschisten, die Unterstützung gegen Mussolinis Rechtskurs suchten. Noch im Dezember 1920 demonstrierten in Mailand Anarchisten gemeinsam mit Futuristen und Arditi für Gabriele d´Annunzio und den Freistaat Fiume. Annunzio schreckte jedoch vor dem offenen Bruch mit Mussolini zurück. Mussolinis Rechtswendung von 1920 öffnete eine Kluft zur syndikalistischen UIL, die jedoch nicht unüberwindlich war und von einem gewissen Personal- und Ideenaustausch überbrückt wurde. Der „dannunzianische Linksfaschismus“ hatte auch weiterhin viele Anhänger in der Bewegung, gerade Grandi und Balbo. Die linke Richtung gewann durch die Gründung der faschistischen Gewerkschaften wieder an Stärke. Edmondo Rossini, Generalsekretär der UIL, übernahm 1921 auf Einladung Balbos die Leitung der faschistischen Gewerkschaften in Ferrara und 1922 diejenige aller Syndikate. Sergio Panunzio tauchte schon 1921 im Direktorium des Fascio von Ferrara auf, Angelo Olivetti kam 1924 zum PNF (er stand vorher wie Ambris auf Seiten d´Annunzios). Alceste de Ambris exilierte im Februar 1923. Rossoni hielt auch nach dem Marsch auf Rom am Klassenkampfgedanken fest und vertrat diesen auch offensiv gegen die Parteirechte. Rossoni propagierte die Schaffung einer Supergewerkschaft mit vollständiger Kontrolle über die Wirtschaft (integraler Korporativismus). Der Machtkampf war erst 1928 beendet, als die Confederazione Nazionale dei Sindicati Fascisti in Teilverbände aufgesplittert wurde. Auch danach reagierten die italienischen Syndikate beispielsweise mit scharfer Ablehnung auf die Zerschlagung der zunächst in die Verbände der DAF transformierten deutschen Gewerkschaften, was zu einer offenen Kontroverse mit der Arbeitsfront führte. Panunzio, mittlerweile Leiter der faschistischen Kaderschmiede, der Faschistischen Fakultät für Politische Wissenschaften und Perugia, setzte den Kampf fort: Nicht etwa der Staat sollte den Vorrang haben, sondern die Nation. Für Panunzio stand der Faschismus dem Syndikalismus nach wie vor näher als dem alten Rechtsnationalismus. Die Syndikate sollten keine Verwaltungsorgane des Staates sei, sondern autonome juristische Personen zur Vermittlung zwischen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, mit Massenpartizipation gegen Bürokratisierung des Faschismus. Diese Option war auch für Mussolini immer vorhanden, er griff 1943 massiv auf sie zurück. Zudem war das Vorhandensein einer Parteilinken für den zwischen den Fraktionen lavierenden Duce ein willkommenes Gegengewicht gegen den rechten Parteiflügel. Die 1921/22 entstehenden faschistischen Syndikate konnten nach der Zerschlagung der anderen Gewerkschaften in die Lücke stoßen, vielenorts waren sie die einzigen noch funktionierenden Arbeitnehmerorganisationen. Sie übernahmen das Monopol der Sozialisten bei der Stellenvermittlung und bei Tarifverträgen. Die linken Verbände verloren ab Anfang 1921 erdrutschartig den Großteil ihrer Mitglieder, und zwar zwischen 75 und 80 Prozent. Viele dieser Mitglieder wanderten zu den Faschisten ab. Die faschistischen Syndikate verloren ihre angepeilte Unabhängigkeit vom politisch-militärischen Flügel der Bewegung jedoch schon 1922. In diesem Jahr setzten sie sich zu 60 % aus Arbeitnehmern in Landwirtschaft und Fischerei zusammen, aber auch zu rund 16 Prozent aus Industriearbeitern (nationaler Durchschnitt um die 21 Prozent). Der Anteil an Industrieproletariern erhöhte sich jedoch bis Anfang 1925 auf rund 560.000 Personen und 32 Prozent - was einer eindeutigen Überrepräsentanz der italienischen Arbeiterklasse in der faschistischen Gewerkschaftsbewegung entspricht. Eine Sonderorganisation bestand für Verkehrs- und Transportarbeiter (nicht zu vergessen die FILM!), wo die Faschisten als Erbfolger des Syndikalismus recht stark vertreten waren. Die CGL-Gewerkschaften hatten Ende 1922 nur noch 400.000 Mitglieder, womit die faschistischen Syndikate zu dieser Zeit mit rund 380.000 Mitgliedern beinahe so stark wie die sozialistische Konkurrenz waren.
Die Offensive der Squadras
Zum Testfall für den nun beginnenden Siegeszug des Faschismus wurde die im Juli 1920 eröffnete brutale Kampagne in Triest und Friaul, gerichtet gegen die Linken und die slowenische Minderheit. Die Zusammenstöße weiteten sich rasch aus, und am 16. Oktober drohte der „Fascio“: „Wenn der Bürgerkrieg sein muss, dann soll er sein!“ Der Sturm auf das Rathaus von Bologna am 20. November 1920 fungierte als Initialzündung, bis Sommer 1921 überrannten die rasch anwachsenden Squadras die Toskana, die Emilia-Romagna, die untere Poebene, Julisch-Venetien, Umbrien, Apulien und den Großteil Venetiens. Alleine von Januar bis Juni 1921 zerstörten die Squadras nach eigenen Angaben 17 Druckereien, 59 Volkshäuser, 119 Arbeiterkammern, 107 Genossenschaften, 83 Landarbeiterverbände und 141 PSI-Lokale. In gleicher Zeit gründen die Faschisten 834 neue Ortsgruppen und gewannen 250.000 Mitglieder hinzu. Die seit dem Herbst 1920 in die Fasci und Squadras strömenden Massen waren nicht nur Frontsoldaten, Interventionisten und deklassierte Kleinbürger, sondern in vielen Fällen auch Pächter und Landarbeiter. Angelockt wurden sie nicht durch Zwang, sondern, vor allem in Ferrara durch Italo Balbos Streben nach einer sozialen Hebung des Landproletariats, durch die proaktive Vision der Schaffung von Landbesitz und die Hoffnung auf den Aufbau einer selbständigen Existenz. Die ländlichen Anhänger des Faschismus wehrten sich gegen ihre Verproletarisierung durch die sozialistischen Federterra-Gewerkschaften, die sie zu reinen Anbietern von Arbeitskraft machen wollen. Die Federterras kümmerten sich ohnehin kaum um ihre Interessen. Da der Faschismus sich diesen kleinbürgerlich-agrarproletarischen Gegnern der sozialistischen Gewerkschaften als Schutzmacht anbot, konnte er sich den Dauerkonflikt auf dem Lande so zu nutze machen. Die Federterras hatten zahllose Zwangsmitglieder, und genau diese liefen zu den Faschisten über. Die faschistischen Syndikate agierten zwar in der Tat eher zugunsten der Landbesitzer, aber als einseitige Interessenvertretung von Junkerinteressen lässt sich das Ganze angesichts der Dynamik einfach nicht erklären. Infolge des relativ guten Verhältnisses zu den Landbesitzern gelang es vielenorts auch, Lohnerhöhungen durchzusetzen und Landparzellen zu beschaffen. Nicht zu vernachlässigen ist der Zustrom frustrierter PSI-Anhänger und vom Scheitern des „roten Doppeljahres 1919/1920“ desillusionierter Proletarier. Der Faschismus in Ferrara basierte sehr stark auf ehemaligen Syndikalisten, der PSI war hier schon vor dem Krieg schwach. Hier konnte die Bewegung von Anfang an auf einen Rückhalt in der Öffentlichkeit setzen, denn die nachmaligen Faschisten Bianchi und Pasella agitierten hier vor dem Krieg für den revolutionären Syndikalismus. Der Faschismus brach zwar nicht die Ghettos der organisierten sozialistisch-großindustriellen Milieus auf, aber er zog unorganisierte Arbeiter an. In diesem Zusammenhang ist die Bemerkung angebracht, dass die marxistische Idealvorstellung vom „klassenbewussten Arbeiter“ lediglich für eine Minderheit der Arbeiterschaft zutrifft, was vor allem für Italien gilt. Schon bei den Kommunalwahlen im Oktober zeigte sich bei den Sozialisten ein Stimmenrückgang. Von nun an war die italienische Linke in der Defensive und sollte diese Rolle nie wieder verlassen. Ab 1921 kam es vor allem in der Toskana auch zu Aktionen gegen die der katholischen Popolari-Partei nahestehenden „weißen“ CIL-Gewerkschaften, im Folgejahr dann mehrten sich offen antiklerikale Gewaltakte der Squadristen. Diese standen aber in keinem Verhältnis zur Massivität der Operationen gegen die Linke. Im Gegensatz zur SA gingen die Squadras bei Nichtkooperation der Polizei auch gegen diese und die Behörden vor. Die meisten Polizeieinheiten kooperierten jedoch, da das Verhältnis zwischen der Linken und Polizei/Armee in Italien katastrophal schlecht war. Die italienische Linke setzte sich auch weitaus weniger aggressiv zur Wehr als ihre deutschen Genossen. Es gab allerdings keine offene Kumpanei zwischen der bürgerlichen Regierung und dem Faschismus, Rom drängte im Gegenteil ab 1921 immer wieder die Provinzialverwaltungen und Sicherheitsorgane zum Durchgreifen. In den von den Faschisten beherrschten Regionen führten die Provinzialverwaltungen jedoch nur noch ein Schattendasein.
Zwischen Parlament und Paramilitärs
Die den Faschismus als bürgerliche Hilfstruppe fehlinterpretierenden Liberalen (hierin erinnern sie an die meisten marxistischen Beobachter) nahmen die Faschisten für die Neuwahlen im Mai 1921 in die bürgerliche Einheitsliste (Blocco Nazionale) auf. Durch den von ihnen zwar immer noch militant, aber beileibe nicht so brutal wie die Offensive gegen die sozialistischen Strukturen geführten Wahlkampf zogen 48 der 74 faschistischen Kandidaten ins Parlament ein. Mussolini holte in Mailand fast 200.000 Stimmen, nur der PSI war hier stärker. Wo Faschisten auf den Listen standen, schnitten sie zumeist deutlich besser ab als die Bürgerlichen, insgesamt waren sie mit umgerechnet 34 Prozent Stimmenanteil die stärkste Kraft im Blocco Nazionale. Die Bewegung mobilisierte vor allem Jung- und Nichtwähler; in Ferrara, Rovigo und Perugia punktete sie auch stark bei ländlichen Urnengängern. Trotz einer Abgrenzungserklärung Mussolinis im November 1920 kam es bei den Wahlen zu ersten Kooperationen mit der nationalistischen ANI. Die Liberalen hatten den Bock zum Gärtner gemacht: Mussolini und die Faschisten dachten nicht daran, sich als Hilfstruppe der Reaktion nutzen zu lassen. Die erste Parlamentsrede Mussolinis geriet zum Skandal: Der Faschistenführer wandte sich gegen die bürgerliche Demokratie wie auch gegen den marxistischen Sozialismus. Den Katholizismus erkannte Mussolini als Verkörperung der römisch-imperialen Tradition Italiens an. Viele der kommunistischen Abgeordneten (die KPI trennte sich im Herbst 1920 von den Sozialisten) begrüßte er als seine politischen Ziehsöhne. Lenins Neue Ökonomische Politik wurde gelobt: Ohne eine klare Hierarchie in den Betrieben, ohne das technische Produktionssystem des Kapitalismus sei der wirtschaftliche Aufbau unmöglich. Der Faschistenführer betonte nun zum Entsetzen des Bürgertums auch noch seinen Republikanismus und bot den Sozialisten eine Zusammenarbeit als Juniorpartner an, sofern sie sich vom Internationalismus und von ihrer Fixierung auf die Arbeiterklasse verabschieden und den Squadras die Straßen überlassen würden. Später empfahl er ihnen die Anpassung an den Bolschewismus, was eine Zusammenarbeit mit den Faschisten einfacher gestalten würde: Faschismus und Bolschewismus hätten zwar keine politische, wohl aber eine geistige Übereinstimmung. Mussolini strebte nun danach, die Macht über das Parlament zu erringen – die Gewalt der Squadras war dysfunktional geworden und drohte, den Faschismus sowohl vom Bürgertum als auch von der Linken zu isolieren. Anfang Juli führte er im „Popolo d´Italia“ aus, die Kraft der Linken sei gebrochen. Man solle einerseits die sozialistischen CGL-Gewerkschaften vom PSI lösen und gleichzeitig auch mit den Sozialisten verhandeln. Mitte Juli setzte Mussolini im Nationalrat der Fasci in Mailand mit knapper Mehrheit durch, dass man einen Befriedungspakt anstreben möge. Etwa zur gleichen Zeit installierte er eine Säuberungskommission, um die Bewegung von Kriminellen und unkontrollierbaren Elementen zu säubern. Nachdem die Fasci ermächtigt wurden, örtliche Befriedungsabkommen mit den Linken abzuschließen, folgte am 3. August 1921 unter Vermittlung der Regierung in Rom die Unterzeichung des offiziellen Friedensabkommens mit den Sozialisten. Der Pakt sollte in Mussolinis Worten dem politischen Element des Faschismus den Vorrang gegenüber dem paramilitärischen sichern. Man sollte dieses Abkommen allerdings keinesfalls mit einem Verzicht auf die Gewaltoption gegenüber politischen Gegnern oder dem Staat verwechseln – Gewalt war für Mussolini immer ein taktisches Mittel. Das Abkommen war auch dazu gedacht, die Möglichkeit einer breiten antifaschistischen Regierungskoalition zu verhindern. Diese Koalition kam indessen nicht zustande, da PSI und Popolari auf ihren Parteitagen im Oktober 1921 eine Zusammenarbeit ablehnten. Der Befriedungspakt wurde nicht nur von Anarchisten und Syndikalisten auf der Linken, sondern auch von den Radikalfaschisten als Verrat abgelehnt. Bereits die Parlamentskandidaturen trafen auf den Widerstand des linken Parteiflügels und der Squadras. Im Zentralkomitee stimmten fünf Mitglieder gegen die Mitarbeit im Blocco Nazionale. Die Opposition war vor allem in Ligurien stark, wo der Faschismus einen ausgesprochen proletarischen Charakter trug, aber auch in der Toskana, der Emilia und der Romagna. Zu den Wortführern der Hardliner avancierten Dino Grandi und Italo Balbo, auch d´Annunzio meldete sich zu Wort und rief zum Wahlboykott auf. Hauptgegner Mussolinis war Dino Grandi mit seiner Zeitschrift „L´Assalto“ und den Bologneser Squadren im Rücken. Die Macht der faschistischen Warlords beruhte auf Gewaltausübung, sie wollten nicht marginalisiert oder überflüssig werden. Mussolini war den Ras vor, bei ihnen habe sich der Faschismus von Befreiung in Tyrannei verwandelt. Balbo attestierte dem Duce im Gegenzug in „Il Balilla“ eine grotesk kindische Oberflächlichkeit, der Parlamentarismus vernebele die Gehirne. Roberto Farinacci deutete an, dass der vom Duce als sein Kind bezeichnete Faschismus alt genug zum Vatermord sei. Die Bewegung solle von Feiglingen und Parlamentariern gesäubert werden. Die lombardischen Fasci zogen sich aus dem Zentralkomitee zurück. Den Gegnern Mussolinis erschien nur der bewaffnete Umsturz als einzig gangbarer Weg, der Pazifismus entwürdige den Faschismus und seine Märtyrer. Die Rebellen erklärten sich faktisch für unabhängig vom ZK und eröffneten eine Orgie der Gewalt gegen die Sozialisten als Antwort auf den Pakt. Mussolini bot frustriert am 18. August 1921 seine Demission aus dem ZK an, die jedoch abgelehnt wurde. Balbo und Grandi verhandelten im September mit d´Annunzio, auf dass er die Führung der Bewegung übernehme. Marsich gesellte sich zu ihnen, weil er die sich abzeichnende Parlamentarisierung ablehnte. Die Rebellen hofften auch auf den Schulterschluss mit den nunmehr als Unione Italiana del Lavoro firmierenden revolutionären Syndikalisten, aber die Kongresse der UIL und von d´Annunzios Federazione Nazionale die Legionari Fiumani fassten antifaschistische Beschlüsse. Anfang Oktober durchbrach Mussolini seine Isolation, indem er den Pakt für nichtig erklärte nach dem faschistischen Kongress von Rom am 15. November 1921 auch offiziell kündigte. Dieser Kongress, abgehalten vom 7. bis zum 10. November, brachte den Ausweg aus der inneren Krise. Die faschistische Bewegung wurde in eine Partei, den Partito Nazionale Fascista, umgewandelt. Die Hardliner wurden geschwächt, da es Mussolini gelang, Dino Grandi für sich zu gewinnen. Der ehemalige Syndikalist Michele Bianchi avancierte zum ersten Generalsekretär des PNF. Führungsgremien der Partei wurden das ZK, bestehend aus 19 Vertretern der Regionen, und dem 11köpfigen Exekutivkomitee unter Vorsitz Mussolinis, der nun erst zum Duce del Fascismo avancierte. Alle Gremien bis hinab zu den Führungen der örtlichen Fasci gingen aus Wahlen hervor – der PNF war keine Führerpartei. Die renitenten Squadras wurden am 22. November 1921 einem Generalkommando unterstellt, um sie auf Linie zu bringen und zu disziplinieren. Das Generalkommando bestand aus vier Generalinspektoren, unter ihnen die ehemaligen Fiume-Teilnehmer General Asclepia Gandolfo und Leutnant Ulisse Igliori, Italo Balbo und Marchese Dino Perrone Compagni aus der Toskana. Im August 1922 folgte die Einführung eines zentralen Oberkommandos, bestehend aus Balbo, Cesare Maria De Vecchi und General Emilio De Bono. Mussolini sondierte Anfang 1922 erneut die Möglichkeit einer Großen Koalition mit PSI und Popolari. Noch im April 1922 propagierte er, man solle sich alle Optionen offen halten, um an die Macht zu gelangen: Staatsstreich, Besetzung Roms durch die Squadras oder Eintritt in eine antisozialistische Regierungskoalition. Nun erst begann die eigentliche Rechtswendung Mussolinis, der auf eine Erneuerung der Gesellschaft durch eine neugeschaffene Aristokratie setzte und nun auch Gelder des mächtigen Arbeitgeberverbandes Confindustria einstreichen konnte. Im März 1922 kam es um Fulvio Marsich und Augusto Turati zu einer erneuten Parteirevolte im Nordosten. Die Rebellen forderten das Bekenntnis zum Geist von Fiume, blieben aber isoliert. Dino Grandi blieb loyal, womit die nationalrevolutionäre Fiume-Fraktion vorerst erledigt war. Gabriele d´Annunzio selbst verhandelte im April 1922 mit der CGL und sowjetischen Vertretern und machte sich dadurch bei rechten wie linken Faschisten unmöglich.
Marsch auf Rom
Die Ras und ihre Squadras machten sich derweil daran, der politischen Linken und linksbürgerlichen Verwaltungen den Todesstoß zu versetzen. Die Großoffensive der Schwarzhemden nahm den Charakter von regelrechten Stadteroberungen an. Diese Welle der Stadtbesetzungen stärkte erneut die Position der Radikalen. Vor allem Balbo warnte, der Faschismus werde ohne revolutionäre Machteroberung kooptiert und verschlissen. Erster Meilenstein der Offensive war die Eroberung von Fiume am 3. März 1922. Im Mai 1922 fiel Italo Balbo mit 50.000 Mann über Ferrara her. Bologna wurde gar von 60.000 Squadristi und faschistischen Gewerkschaftlern überrannt. In der Zeitschrift „Gerarchia“ erschien zur gleichen Zeit eine offene Aufstandsdrohung gegen den Staat. Die Gewaltorgien machten einen Eintritt des PNF in die im Juni gebildete neue Regierung Facta unmöglich. Im Juli erreichten die faschistischen Expeditionen das Umland von Rom, Farinacci brachte Cremona in seine Gewalt, und Balbos berüchtigte „Feuersäule durch die Romagna“ wälzte sich auf Ravenna zu. Selbst Dino Grandi wurde es zu viel, und er handelte im Juli einen neuen Friedenspakt mit dem PSI aus. Dieser wurde fatalerweise von den Sozialisten nicht eingehalten, und eine massive Vergeltungsaktion der Squadras in Ravenna löste den Generalstreik der vereinigten linken Gewerkschaften am 31. Juli 1922 aus. Der Streik wurde zum Schwanengesang der italienischen Linken, denn die Squadras zerschlugen die Aktion innerhalb weniger Tage und waren damit die Herren fast ganz Norditaliens; auch Genua und Mailand waren nun fest in faschistischer Hand. Nur Rom, Parma und Turin konnten sich dem Zugriff der Squadras noch entziehen. Trient und Bozen wurden im Oktober besetzt. Der Duce verhandelte derweil mit dem Bürgertum über Neuwahlen und löste damit neue Spannungen mit den Ras aus. Die Radikalen drängten auf den sofortigen Staatsstreich, anstatt die Macht auf parlamentarischem Wege zu erringen. D´Annunzio verhandelte zunächst mit den Linken, schlug sich dann aber zusammen mit der Seeleutegewerkschaft FILM im August auf Mussolinis Seite. Die bürgerlichen Eliten überlegten dennoch, den Dichter-Soldaten zu engagieren oder eine bürgerliche Einheitsregierung unter Giulitti zusammenzuschustern. Zwischen dem 16. und 24. Oktober 1922 kam es auf einem faschistischen Kongress in Neapel zu hektischen Verhandlungen. Die Hardliner forderten den sofortigen bewaffneten Aufstand (den Marsich im Nordosten auch tatsächlich durchführte und die Kasernen von Militär und Polizei besetzte), aber Grandi setzte stattdessen den demonstrativen Marsch auf Rom durch. Diesen wiederum nutzte Mussolini gegenüber der italienischen Zentralgewalt und dem König als politisches Druckmittel – am 30. Oktober 1922 wurde Benito Mussolini zum italienischen Ministerpräsidenten ernannt. Zur Sozialstruktur des Faschismus Die soziale Zusammensetzung der Squadras wie des PNF ist äußerst spärlich erforscht. Abgesehen von einigen Lokalstudien wissen wir im Grunde genommen nichts. Die Squadras waren klar dominiert von Studenten, Angestellten, Kriegsteilnehmern und entwurzelten Bürgern, allerdings konnten regional wie in der Marmorregion Massa-Carrara sehr hohe Proletarieranteile (70 Prozent!) erreicht werden. Carrara ist ohnehin ein interessanter Fall: In dieser bisherigen anarchistischen Hochburg organisierte Renato Ricci die Marmorarbeiter. Riccis Leute unterstützten noch 1924 einen 40tägigen Streik gegen die Steinbruchbesitzer. Gerade hier zeigt sich die Anfälligkeit von Anarchisten und Syndikalisten für den frühen Faschismus und Squadrismus deutlich: Sie teilen die Ideologie der direkten Aktion und die strikte Ablehnung des Parteisozialismus wie der bürgerlichen Gesellschaft mit den Faschisten. Dabei besaßen die Schwarzhemden eine hohe soziale Anpassungsfähigkeit an die regionale Gesellschaftsstruktur. In Bologna stammte mehr als ein Drittel aus dem Landproletariat: Proletaroide (Fuhrleute, Maurer, Kleinselbständige am Rande zum Subproletariat aber auch Facharbeiter etc.), Arbeitnehmer handwerklicher Kleinbetriebe. „Echte“ Land- und Industriearbeiter machten in Bologna-Stadt nur 5,3 Prozent aus. In Florenz waren 3,6 Prozent, in Livorno aber 29,4 Prozent der Squadristi Arbeiter (PNF nur 9 Prozent). Arbeiter aus Klein- und Mittelbetrieben und dem Land machten in der Toskana an manchen Orten 40 Prozent der PNF-Mitgliedschaft aus. Anfällig waren auch Arbeiter in kriselnden Branchen wie Häfen und Werften in Ligurien, ebenso arbeitslose Jungproletarier. Die einzige bekannte Parteistatistik mit sozialen Daten stammt vom November 1921. Demnach waren 24.3 Prozent der PNF-Mitglieder Landarbeiter, 15.4 Prozent Industrieproletarier, 13 Prozent Studenten und Schüler, 12 Prozent Landbesitzer, 9.8 Prozent Angestellte, 9.2 Prozent Kleingewerbetreibende, 6.6 Prozent Freiberufler, 4.8 Prozent Staatsangestellte, 2.8 Prozent Unternehmer, 1.1 Prozent Lehrer und 1 Prozent Seeleute. Arbeiter waren unter-, Angestellte, Studenten/Schüler und Lehrer überrepräsentiert. Unterrepräsentiert waren auch die Landbesitzer und Landarbeiter, was das Gerede vom Agrarfaschismus noch fragwürdiger erscheinen lässt. Ende 1922 hatte der PNF um die 300.000 Mitglieder. Zum Vergleich: Die sozialistische Partei zählte gerade noch 70.000 Genossen. Jedes vierte Parteimitglied des PNF war unter 21 Jahre jung, die meisten anderen waren nicht viel älter. Das Durchschnittsalter des norditalienischen Faschismus lag zwischen 23 und 25 Jahren, 80 Prozent der Faschisten hatten im Gegensatz zur Industriearbeiterschaft Fronterfahrung. Den harten Kern der Squadras stellten 12.000 ehemalige Arditi-Elitesoldaten dar.